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Lebenswerte Stadt – Mut, etwas zu erschaffen

Lebenswerte Stadt – Mut, etwas zu erschaffen

Blick von der Ziegelwiese des Peißnitzparks in Halle auf das Riveufer, ein befestigte Uferanlage aus Sand- und Backstein. Der rosafarbene Sonnenuntergang taucht den Fluss, die Bäume und die dahinterliegende Feldklippe in kitschiges Licht. Am Ufer sind Laternenreihen aufgehangen. Foto: Jonas Kessel

Wer kennt sie nicht, leere und triste Innenstädte, in denen so viel Raum für Möglichkeiten steckt? Auch in Halle an der Saale finden sich solche Ecken. Dies zu ändern erfordert Mut, Nerven und viel Hingabe.

Ob ehrenamtlich im Verein oder gewerblich: Jeder kann seine Stadt ein Stückchen lebenswerter gestalten. Für die vielen Facetten bürgerschaftlichen Engagements, was zur Gründung motiviert und welche Hürden überwunden wurden, stehen hier drei Beispiele aus der Saalestadt.

Gewerbe: Ladengründung mit Vorreiterrolle

Der Gründerspaziergang startet im Herzen der Stadt am Rande des Paulusviertels. In über hundert Jahren, die dieses Viertel schon besteht, erlebte es auch eine Ära des Verfalls. Seit der Wiedervereinigung sind engagierte Menschen dabei, diesen Verfall umzukehren. Es ist Frühlingsanfang im zweiten Coronajahr und das Wetter lädt zum Erkunden des Viertels ein.

„Es blüht definitiv auf“, freut sich Pauline aus dem Unverpackt-Laden ‚abgefüllt‘ am August-Bebel-Platz. Sie steht im lichtdurchfluteten Laden, auf der linken Seite ein Holzregal mit Pumpbehältern für Seife und Waschmittel, auf der rechten Seite eine bunte Batterie aus Abfüllstationen. In der Raummitte ein großer Tisch voller regionaler Produkte. Im Ladenfenster gibt es noch mehr für bewussten Konsum zu entdecken.

„Kleine Geschäfte von ganz normalen Leuten.“

An den Kunden des Ladens erkennt man, wer im Paulusviertel wohnt. Das sind besonders Studenten und junge Familien. Auf dem Platz gibt es viele eher alternativ angehauchte Geschäfte. Das Viertel zeigt der verstaubten Innenstadt, wie nachhaltiger Einzelhandel geht. Pauline findet es traurig, dass in der Innenstadt wenig los ist: „Es gibt so viele Möglichkeiten. Es gibt den Platz dafür.“

Die junge Ladenleiterin Pauline steht mit FFP2-Maske vor der bunten Batterie aus Abfüllstationen im Unverpackt-Laden ‚abgefüllt‘.
Nachhaltigkeit und persönliche Entwicklung waren Gründe, warum Pauline unbedingt bei ‚abgefüllt‘ arbeiten wollte.

Die gute Nachricht ist aber, dass die Plätze um den Stadtkern aufblühen und sich dort eine kreative Szene entwickelt. Seit neun Jahren lebt Pauline in Halle, fast ein Jahr leitet sie den Unverpackt-Laden. Gegründet wurde er 2019 nebenberuflich von zwei Hallensern. Deren Motivation: Weniger Verpackungsmüll zum Wohl der Zukunft ihrer Heimatstadt. „Ich weiß, dass Hannes und Flo irgendwann sehr genervt waren“, erinnert sich Pauline. Das Ideal stand im Vordergrund, denn viel Geld lässt sich mit dem Laden nicht verdienen.

Der Einkauf läuft folgendermaßen ab: Man besorgt sich Behältnisse. Ob Gurkenglas oder Tupperdose ist egal. Diese werden auf einer Waage leer gewogen. Danach füllt man sich genau so viel ab, wie man benötigt. An der Kasse wird der Preis dann sekundenschnell individuell berechnet.

Der erste Unverpackt-Laden in der Stadt hat es mit seiner Vorreiterrolle nicht einfach. „Für uns ist das auch immer noch ein Lernprozess“, erklärt Pauline. Dabei lief die Gründung gut an. Über 1000 Unterstützer fanden sich per Crowdfounding zusammen und lieferten das nötige Startkapital. Das zeigte deutlich, der Bedarf ist da. „Jeder, der mitgespendet hat, bekommt auch was zurück“, betont sie. Ein Besuch im Laden lohnt definitiv: Die Schoko-Kichererbsen, abgefüllt im Marmeladenglas, sind in Rekordzeit weggegessen.

Kultur: Die Perle auf der Peißnitz

Wenige Minuten Laufweg den Hügel hinab liegt die Peißnitzinsel – die grüne Lunge der Stadt. Blickfang und zentraler Anlaufpunkt ist das 130 Jahre alte Peißnitzhaus mit seinen Nebengebäuden, Biergärten und der Außenbühne. Normalerweise herrscht hier an sonnigen Frühlingstagen reger Publikumsverkehr mit duftenden Grills, spielenden Kindern und viel guter Laune.

Seit 2003 wird es durch den gleichnamigen Verein betreut und saniert. Als das ‚abgefüllt‘ gegründet wurde, hatte der Peißnitzhaus e.V. die größten Hürden schon hinter sich gelassen. Verfall, Berge von Bauschutt, fehlendes Geld und Hochwasser waren nur einige Herausforderungen, die der Verein und sein Vorstandsvorsitzender Roland Gebert bewältigen mussten.

Wie viele Bürger fand er damals an der Peißnitz einen Ort der Ruhe und des Ausgleichs zum hektischen Alltag. „Da schlich ich auch um das Haus herum“, erinnert er sich. Und damit war er nicht der Einzige. Der Zufall wollte es, dass sich fünf Hallenser an dem verfallenen Bauwerk trafen und den bemitleidenswerten Zustand des Peißnitzhauses bedauerten. „Daraus wurde eine Initiativgruppe“, berichtet Roland. Kurz darauf folgte die Vereinsgründung.

Vereins- und Genossenschaftsvorstand Roland Gebert steht vor der Terasse des Peißnitzhauses. Er trägt eine blaue Jacke und einen grauen Pulli über seinem Hemd und lächelt. Im Hintergrund scheint die Sonne auf den Sandstein und die Ziegelsteine des Kulthauses.
Roland Gebert kennt das Peißnitzhaus wie seine Westentasche. Das ist nicht verwunderlich, da er es gemeinsam mit zahllosen anderen seit 14 Jahren wiederherrichtet.

Seit 2010 hat der Verein einen Nutzungsvertrag mit der Stadt, der auch die Sanierung des Hauptgebäudes erlaubt. Nur gab es zunächst keine Fördermöglichkeiten. „Wir haben immer wieder angeschoben und Druck gemacht“, betont Roland. Die Perle auf der Peißnitz sollte nicht verloren gehen. Quasi zeitgleich zum Saale-Hochwasser 2013 gründeten sie eine Genossenschaft. Diese finanzielle Eigenbeteiligung schaffte Vertrauen in der Stadtverwaltung. Inzwischen engagieren sich etwa 350 Leute aktiv in Verein und Genossenschaft.

„Das Gemeinwohl-orientierte ist unser Ansinnen.“

Trotz der zerstörerischen Fluten hatten die Initiatoren Glück im Unglück. „Mit dem Hochwasser kamen Fördertöpfe angeschwommen.“ Um die Sanierung umzusetzen, braucht es sieben Millionen Euro. Über die Hälfte des Geldes ist schon geflossen: Förderprogramme, Sponsoring, Spenden, Einnahmen aus der Gastronomie und Eigenanteile machten es möglich.

Auch heute kann man einige Handwerker in Aktion sehen. Das Hämmern, Spachteln und Tackern wird authentisch von mehreren Baustellenradios untermalt. Spaziergänger bleiben immer wieder vor dem Haus stehen, um den Fortschritt zu bewundern.

Höhepunkt der Besichtigung ist der Turm des Peißnitzhauses. Wo einst fünf Kubikmeter Taubendreck lagen, erlebt man nun einen besonderen Ausblick. Das Haus scheint zentraler Verbindungspunkt zahlreicher städtischer Wahrzeichen zu sein. An Frühlingstagen wie heute wird die gesamte Insel in belebendes Licht gehüllt. Hoffentlich können die Besucher bald wieder im Außenbereich hausgemachten Kuchen und Kaffee genießen.

Wissenschaft: Komm an Bord!

Spaziert man weiter die Saale entlang Richtung Norden, erreicht man nach kurzer Zeit das Bürgerforschungsschiff „Make Science Halle“. Die MS Halle hat derzeit am Fuß des Felsfundaments der alten Burg Giebichenstein angedockt und lädt zum Erkunden ein. Vom Ufer sind es nur wenige Meter Steg bis zur offenen Bordtür.

Das Herzblutprojekt ist eine der zahlreichen Initiativen von science2public – einer Gesellschaft für Wissenschaftskommunikation. Begründerin Ilka Bickmann will Forschung erlebbar machen und Wissenschaft vermitteln. „Es gibt tausende spannende Themen“, sagt Ilka begeistert.

Aktuell schippert das knapp 27 Meter lange Schiff im Namen der „Blauen Bioökonomie“ auf der Saale. Ausgestattet mit Technologien der Projektpartner kann man den Themen Wasser, Nachhaltigkeit und der effizienten Nutzung von biologischen Ressourcen auf den Grund gehen. Im Fokus steht momentan das ‚Multitalent Alge‘, die in Waffeln, Limonade und Bier verarbeitet auch geschmacklich überzeugt.

Die Vereinsgründerin Ilka Bickmann steht lächelnd mit Kapitänsmütze hinter einem Tresen in der Kombüsenküche des Bürgerforschungsschiff „Make Science Halle“. An der tiefhängenden Decke über ihr baumeln Tassen aus Edelstahl.
Seit einem Jahr ist die „Make Science Halle“ ein zweites zu Hause für Ilka Bickmann.

Zur Gründung des Vereins bewegten sie zwei Dinge besonders: Mehr Selbständigkeit und der Wunsch nach Aufklärung. Damals setzte Ilka Bickmann sich journalistisch mit der Chancengleichheit von Frauen auseinander, ihr Mann arbeitete in den Nanowissenschaften.

Gemeinsam beschlossen sie beide Themen zu verknüpfen und das Projekt Nano4Women ins Leben zu rufen. Da die Akzeptanz der Nanotechnologien damals in der Bevölkerung gering war, gründeten sie 2007 science2public.

Seitdem engagiert sich der Verein intensiv in zahlreichen Projekten. Jede Förderung ist zeitlich begrenzt. Deshalb erarbeitet Ilka stetig neue Anträge, um das Vorhaben über Wasser zu halten. Eine sorglose Grundförderung wäre schön als „Schippergrundlage“, wie Sie sagt. Die erfolgsorientierte Gründerin will Besucher noch viele Jahre ermutigen, selbst aktiv zu werden.

„Aus dem Phlegmatismus rauskommen.“

Im Unterdeck finden bis zu 30 Besucher und Besucherinnen jeden Alters Platz. Auf dem Oberdeck weitere 40, wenn das Wetter stimmt. Heute wechselt das Wetter von Hagelschauer zu Sonnenschein, da bleibt man lieber im Unterdeck beim leckeren Duft der Mitmachküche.

Ilka ist für Besucher eine wichtige Ansprechpartnerin: „Ich kann mich immer in die Rolle des Laien reinversetzen“, sagt Sie. Gerade dabei ist es vorteilhaft, dass Sie nicht aus der Wissenschaft kommt: „Ich bin ein Intermediärer – ein Übersetzer.“ Nicht nur die Bürger erfahren etwas Neues, sondern auch Wissenschaftler erlernen hier Vermittlungskompetenz.

Im Jahr 2020 gab es in Halle 1229 Gewerbeanmeldungen, aber 1346 Abmeldungen. Die Bilanz ist seit Jahren negativ, die Quote sinkt. Das spiegelt den Trend in ganz Deutschland wider. Laut KfW-Gründungsmonitor gehen die Gewerbegründungen in den letzten Jahren bundesweit stetig zurück.

Ganz anders sieht es bei den Vereinsgründungen aus. Im ländlichen Raum nehmen die Vereinszahlen in den letzten Jahren zwar langsam ab, in den Großstädten sprießen sie dafür aus dem Boden. In Deutschland gibt es heute so viele eingetragene Vereine wie noch nie.

Während Gewerbegründungen vom Arbeitsmarkt, Konjunktur und Gründungsoffensiven abhängig zu sein scheinen, wachsen Projekte dank ehrenamtlichen Engagements gleichmütig weiter. Viele Menschen wollen sich engagieren. Vereine bieten dafür eine geeignete Rechtsform.

Unterstützung für die Unterstützer?

Ilka Bickmann bezeichnet Halle liebevoll als Graswurzelstadt. Das Verlangen, etwas zurückzugeben, ist groß. „Die Leute sind intrinsisch motiviert“, hat sie herausgefunden. Die Stadt gleicht in ihren Beschreibungen einem aufblühenden Garten: „Es gibt immer irgendwie Nachwuchs.“ Diese aufkeimenden Initiativen werden von der Stadt dankbar angenommen, aber „nicht gedüngt und gesät.“

Ähnliches Potenzial sieht auch Roland Gebert vom Peißnitzhaus. Es sei ein noch besseres Zusammenwirken der Kräfte möglich. Das Motto sollte sein, neue Denkmuster zuzulassen und die Bürger mehr einzubeziehen. Die Herausforderung dabei ist, sich nicht von gescheiterten Initiativen aus der Vergangenheit abschrecken zu lassen. Visionäre sind gefragt.

Auch Pauline aus dem ‚abgefüllt‘ sieht noch Luft nach oben. „Am Anfang war der Hype sehr groß“, erinnert Sie sich. Es gab reichlich Zuspruch. „Wenn man das cool findet, dann würde ich es schöner finden, dass ich die Leute mal vor Ort sehe“. Außerdem fehle es an Läden mit bezahlbaren Mietpreisen. „Das ist ein generelles Problem“, berichtet sie. „Das ist der erste Stein im Weg.“

Zeit für neue Projekte

Klar ist: Zusammen erreicht man mehr. Da sich die Geschäfte und Lokalitäten ohnehin gegenseitig bedingen, könnte man ein gemeinsames Straßenfest auf die Beine stellen, überlegt Pauline. Für die Zukunft wünscht Sie sich einen stärkeren Einzelhandel. Die Stadt hat eine Kunsthochschule, die Burg Giebichenstein, die viele kreative Köpfe hervorbringt. Von denen würde Sie sich weitere Gründungen wünschen: „Es gibt die verschiedenen Viertel und die können wir beleben.“

Am Peißnitzhaus wird derweil fleißig weitergebaut. Das Haus ist für Roland Gebert auch zukünftig ein Ort, der verbindet. Für Kulturbegeisterte gibt es Kleinkunst, Weltmusik und Klassik. Das islamische Zuckerfest, der evangelische Saalegottesdienst, japanische Feste und Veranstaltungen der buddhistischen Zen-Strömung finden gleichermaßen Platz auf der Saaleinsel. Mit Spielplatz, Konzertfläche und Besuchen von Zeitzeugen ist das Haus Schmelztiegel der Generationen. Und zu guter Letzt verbindet es durch seine Lage zwischen Halle-Neustadt und Altstadt unterschiedliche soziale Räume miteinander.

„Mach dich selbstständig, mit dem, was du machen willst.“

Auch auf der MS Halle von Ilka Bickmann ist kein Stillstand in Sicht. Das Jahr der Bioökonomie geht zwar bald zu Ende, aber an Projekten mangelt es an Bord nicht. Mehr Bürgerforschung, Algen in der Kosmetik und Expeditionen auf der Saale sind nur einige ihrer Ideen. Parallel dazu engagiert sich der Verein in diesem Jahr zum Thema „PrimaKlima – Neue Energien“. Ilkas Vision: „Neue Energien an Bord. Wir machen Bioökonomie weiter, aber gehen so ein Stück weit in Nachhaltigkeit.“

Umsetzen will der Verein das durch den stufenweisen Umbau des dieselbetriebenen Fahrgastschiffs zum umweltfreundlichen Klimakutter. „Wir können nur beim Tun vermitteln“, ist ihre Devise. Am Ende des Gründungsspaziergangs empfiehlt sie: „Ich kann nur jedem sagen: mach dich selbstständig, mit dem, was du machen willst.“

Motiviert? Im Magazin findest du nützliche Informationen zum Thema „Gründung“ und weitere Gründergeschichten.

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