Schön, dass sie sich zufällig so reimen, der Name der französischen Star-Actrice Cécile de France und das Thema ihres aktuellen Films: Trance. Die Neurowissenschaft erforscht das therapeutische Potential von Trancezuständen.

Der Titel ist Programm: „Eine Größere Welt“  (Startdatum  16. 4. vorläufig verschoben). Und hält, was er verspricht: Zu entführen in menschliche (Grenz-) Erfahrungsräume, die uns in grandios gestaltete übersinnliche Sphären katapultieren. Im neuen Werk schickt Regisseurin Fabienne Berthaud („Barfuss auf Nacktschnecken“, 2004)  ihre Hauptdarstellerin Corine (Cécile de France), Anthropologin und Komponistin aus Paris, in einen abgelegenen Winkel der Mongolei. Dort will sie im Rahmen ihrer Arbeit ethnographische Tonaufnahmen sammeln. Und auf Selbsterfahrungssuche ihr herzzerreißendes, vom verfrühten Tod ihres Ehemannes Marc (Arieh Worthalter) herrührendes Trauma betäuben.

Cécile de France im Film "Eine größere Welt". Ein Feature von Friederike Albat

Schauspielerin Cécile de France im Film „Eine größere Welt“

Während eines von den Tsaatan, einem nomadischen Hirtenvolk, zelebrierten Rituals  fällt die Filmheldin in tiefe Trance. Sie kommt auf eine fixe Idee, die zur Besessenheit wird: Sich zur Schamanin ausbilden  lassen, um in selbstinduzierter Trance wann immer sie will in die Geisterwelt abtauchen und darin ihrer toten großen Liebe wiederbegegnen zu können. Das tut sie in einer zentralen, bildgewaltig und melodramatisch gestalteten Unterwasserszene. Gefühliges Gemütsdrama, aber passend, an dieser Stelle. Sonst könnte man glatt meinen, Fabienne Berthaud habe eine Dokumentation gedreht, wenngleich auch eine faszinierende.

 

Opulent präsentiertes Kino-Epos mit wahrem Hintergrund

Was in gewisser Weise zutrifft. Die Unmittelbarkeit ihres Spielfilms beruht auf ungeheuer atemberaubenden Landschaftsbildern, aber genauso dem Fakt, dass er auf einer wahren Geschichte basiert. Cécile de France, die nach Cédric Klapischs komödiantischer Trilogie über Erasmus-Studenten in Barcelona, St. Petersburg und New York jetzt auch mal ihr beeindruckendes Talent als Tragödin beweist, agiert nach einem echten Rollenvorbild: Corine Sombrun, Komponistin und Autorin des 2004 erschienenen Tatsachenberichts „Mein Leben mit den Schamanen“ (Goldmann, 9,95 Euro).

Ihre Filmfigur taucht tief in Mystherien ein

Seit ihr der mongolische Magier Balgir die besondere „Gabe“ des Erlangens von Trancezuständen attestierte, arbeitet Sombrun weltweit mit Forschern zusammen, wobei die erste wissenschaftliche Studie zum Thema Trancetechniken entstand (Flor-Henry et al. 2017, Cogent Psychology).

Professor Pierre Flor-Henry aus dem kanadischen Alberta sitzt auch im hochkarätigen  wissenschaftlichen Beirat des Trans Science Research Institute (www.trancescience.org), einem Netzwerk internationaler Neurowissenschaftler, das Corine Sombrun letztes Jahr gemeinsam mit Francis Taulelle, Professor an der belgischen Katholischen Universität  Leuven  gründete. In Kollaboration mit Professor Steven Laurey und seinem Team erforscht sie auch an der Universität in Lüttich die Mechanismen und therapeutischen Potenziale so genannter kognitiver Trance.

Sowohl die sie verkörpernde Schauspielerin als auch die Regisseurin profitierten enorm von Corine Sombruns Präsenz bei der Drehbuchentwicklung und als Beraterin beim Shooting von „Eine größere Welt“ vor Ort in Paris und der Mongolei, sagt Fabienne Berthaud: „Man sieht sie zwar nie, aber sie ist überall. Quasi die Seele des Films.“ Die Regisseurin empfand diesen Dreh als „sehr persönlichen Prozess“ und  „Balanceakt“.  Eine Frage der Ausgewogenheit  zwischen ihrer künstlerischen Interpretationsfreiheit und dem Respekt vor der Lebensgeschichte ihrer Protagonistin. „Trotz der wahren Begebenheiten, auf denen der Film beruht, konnte ich meiner Arbeitsweise treu bleiben und fiktive Elemente mit dokumentarischem Realismus mischen“, erklärt Berthaud.

Wolfsgeheul, Trommelwirbel, Flötenklang & Farbenrausch

Zusätzliche Authentizität gewinnt ihr Film durch die Mitwirkung einer guten Hundertschaft einheimischer Stammesmitglieder als Komparsen und Laiendarsteller. Die Mongolin Narantsetseg Dash etwa, die im Film als Übersetzerin für Cécile de Frances Figur der Corine auftritt, war Dolmetscherin der echten  Corine Sombrin während ihrer langen Aufenthalte bei den Tsaatan.

Frauen des mongolischen Nomadenstamms der Tsaatan passieren eine Rentierherde in der SteppeRentiere und

Majestätische Bergkulisse, weites Land: Mongolische Nomadinnen schauen nach ihrer Rentierherde

Die  kunstvoll bestickte, knallbunte traditionelle Kleidung dieses Hirtenvolks kontrastiert effektvoll mit der endlos und eintönig gelbgrün erscheinenden Weite der Steppe, in der Ferne von schneebedecktem Hochgebirge gerahmt. Trommelwirbel, Flötentöne und verstörend-betörend monotone Meditationsgesänge vermischen sich mit omnipräsentem Wolfsgeheul und dem Hufgetrappel riesiger Rentierherden. Ein rauschhaftes audiovisuelles Feuerwerk, mit dem Fabienne Berthaud uns Traumwelten eröffnet, die weit über den Abspann hinaus vor dem inneren Auge Funken versprühen und nachhallen im Herzen.

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