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Fürsorgliche Gefangenschaft
Zwei Kinder, eines mit Handprothese, haben sich mit Hut und Zylinder verkleidet.
Heutige Welten

Fürsorgliche Gefangenschaft

Der Dokumentarfilm „Muhi“ über das Schicksal eines behinderten Palästinenserjungen und seines Opas in einem israelischen Krankenhaus rührt zu Tränen. Und macht Mut

Kurz nach seinem siebten Geburtstag bekommt Muhi seinen ersten Kuss. Auf die Wange, und sein pausbäckiges Gesicht bietet kaum genug Platz für sein Strahlen. Zuvor schon schleppte seine Flamme Muhi zum ausgelassenen Duett auf die Tanzfläche. Damenwahl mit grenzenlosem Spaßfaktor, hautnah zu erleben gegen Ende des Dokumentarfilms Muhi – Generally Temporary. Das Mädchen, deren Herz der Junge erobert hat, ist eine junge Israelin. Die Filmemacher Rina Castelnuovo-Hollander und Tamir Elterman zeigten davor bereits Szenen, in denen ihr Protagonist bei Festen Fähnchen mit Davidstern schwenkt. Oder unvermittelt ruft: „Ich liebe Bibi Netanjahu!“

Muhi, Koseform von Muhammad, ist ein palästinensischer Junge aus Gaza. Einer, mit einem außergewöhnlichen Schicksal, sofern „außergewöhnlich“ hier nicht untertrieben ist. Wegen einer lebensbedrohlichen Autoimmunerkrankung mussten ihm mit zwei Jahren Hände und Unterarme, Füße und Unterschenkel amputiert werden. Seit Jahren lebt Muhi im Sheba Medical Center von Tel HaShomer, einem israelischen Krankenhaus. Getrennt von seiner Familie in Gaza. Nur begleitet von seinem Großvater Abu Naim, der sich für das Kind aufopfert und selten von seiner Seite weicht.

Kamera begleitete Opa und Enkel drei Jahre lang

Der Kuss des jüdischen Mädchens gegen Ende ist einer der Mutmacher, ohne die der Film emotional nicht auszuhalten wäre. Mehr als drei Jahre lang haben Castelnuovo-Hollander und Elterman sowie ihre Kameraleute Avner Shahaf und Oded Kirma den Jungen und seinen Opa begleitet. Mit der Handkamera waren sie so dicht dran wie möglich. Die Zuschauer denken nun, Seite an Seite mit Muhi und Abu Naim zu leben.

Der lange Atem der Macher hat sich fürwahr gelohnt. Herausgekommen ist eine berührende und beklemmende Langzeitreportage von herausragender Qualität, die völlig zu Recht eine Reihe von Preisen abgeräumt hat. Die Kamera fängt ein, wie die der alte Mann und das Kind ihr einzigartiges Schicksal in einer geradezu irrsinnigen Konstellation meistern.

Nahostkonflikt: Alltäglicher Irrsinn in Grenzregion Gaza

Auf den Irrsinn mit Namen Nahostkonflikt verweist der sperrig anmutende Untertitel des Films. Temporary, also auf Zeit, sollte ein Krankenhausaufenthalt eigentlich sein. Für Muhi und Abu Naim indes ist er generally, also zum andauernden Normalzustand geworden. Muhi kann nur in dem israelischen Krankenhaus adäquat behandelt werden. Bei seiner Familie im medizinisch unterversorgten Gaza würde er mutmaßlich nicht überleben. Abu Naim kümmert sich um Muhi. Er tröstet seinen Enkel in dessen tränenreichen Momenten, motiviert ihn zum Durchhalten bei Bewegungsübungen mit seinen Prothesen, lehrt ihn den Koran und betet mit ihm. Auf einem kleinen Teppich, der mehrmals täglich auf dem Krankenhausflur ausgerollt wird. Aber die ganze Zeit, über viele Jahre, kann Abu Naim die Klinik nur in Ausnahmefällen verlassen.

Ins Israel außerhalb des Krankenhauses darf er wegen behördlicher Sicherheitsbedenken nicht einreisen. Der israelische Kriegsveteran Buma Inbar erledigt für Patienten in Tel HaShomer den Behördenkram. Er wird zum Freund Muhis und Abu Naims und versucht eine gefühlte Ewigkeit lang, eine Arbeitserlaubnis zu erwirken. Schließlich erhält er sie – in bürokratischem Wahnsinn ausgestellt für den kleinen Muhi und nicht für Abu Naim. Seine Mutter kann Muhi über zwei Jahre nicht sehen. Das liegt auch daran, dass für einen Besuch drei Grenzen zu überqueren sind: Den ersten Übergang kontrolliert die Fatah, den zweiten die Hamas und den dritten der Staat Israel.

Schmerzhafte Entscheidung von Muhis Mutter

„Erst nachdem Muhis Mutter zu einem der seltenen Besuche nach Israel gekommen war, um ihren Sohn zu sehen, wurde uns bewusst, dass sie die schmerzhafte Entscheidung getroffen hat, auf ihr Kind zu verzichten, um ihm das Leben zu schenken“, berichten Castelnuovo-Hollander und Elterman, deren Film unter anderem vom Mitteldeutschen Rundfunk und vom israelischen Kulturministerium gefördert wurde. „Und da wurde uns klar, dass wir Muhis Geschichte mit der Welt teilen müssen.“

Kind in Werkstatt trägt Armprothesen.

Nützliche und manchmal schmerzende Begleiter: Muhi hat neue Armprothesen bekommen. Foto: Neue Celluloid Fabrik

Muhi weckt von Anfang an das Mitgefühl der Zuschauer, wenn er weint, weil seine Mutter nicht bei ihm ist. Oder wenn er vor Schmerzen wimmert, weil die Prothesen mit der ausgeklügelten Greiffingerkonstruktion seine verstümmelten Gliedmaßen wund gescheuert haben. Die Zuschauer fiebern mit Muhi mit, weil er aller Mühsal zum Trotz nicht aufgibt. Er lernt das Laufen und vieles mehr und entwickelt sich zum selbstbewussten Jungen. Und Muhi nimmt die Zuschauer mit seinem frechen Humor für sich ein.

Manchmal spiegelt sich in seinen Witzen – vielleicht unbewusst – die Gebrochenheit eines Lebens in der Dauerkampfzone wider. „Ich bin Russe“, ruft der Bengel, als die Erwachsenen von Palästina reden. Das Fernsehen gibt ihm Anregungen für ausgedachte Ersatzidentitäten. Dass seine eigentliche Heimat Gaza ihm noch weniger bieten kann als anderen Bewohnern, spürt Muhi genau.

Der Schutzengel kann sich nicht teilen

Schön, dass er mit Abu Naim einen Schutzengel hat. Aber das, was Muhi im Laufe des Films an Lebensmut, Stärke und Zuversicht gewinnt, büßt der alte Mann mit dem weißen Bart allmählich ein. Denn auch ein Schutzengel kann sich nicht teilen. Abu Naim hat viele Kinder und 27 Enkel. Er ist selbst permanent von seiner Familie getrennt, weil er sich ganz für Muhi aufopfert. Einen seiner Söhne – einen aufgeweckten, fröhlichen Teenager – lernen die Zuschauer bei einem kurzen Besuch im Hospital kennen.

Später ist der Jugendliche ins Koma gefallen. Gemeinsam mit Buma Inbar kämpft Abu Naim darum, dass sein Sohn in Tel HaShomer behandelt werden kann. Das geschieht dann endlich, aber die Ausreiseerlaubnis gilt nur für 24 Stunden. Kaum sendet der Kranke erste Erholungssignale, muss er zurück nach Gaza, wo er bald darauf stirbt.

Alter Mann mit Kappe und weißem Bart hält Kind im Arm

Großvater Abu Naim beschützt seinen Enkel Muhi. Foto: Neue Celluloid Fabrik

Der von Trauer gebeutelte Abu Naim kann mit seiner Wut auf die Machthaber in seiner palästinensischen Heimat nicht hinter dem Berg halten. Pures Misstrauen der einen gegen die andere Seite verhinderte, dass sein Sohn so lang wie notwendig versorgt wurde. Ohnehin muss der zutiefst gottesfürchtige Abu Naim Anfeindungen von muslimischen Glaubensbrüdern hinnehmen, weil er sich mit Juden wie Buma Inbar angefreundet hat.

Hoffnungsschimmer durch „alltägliche Mitmenschlichkeit“

„Nachdem wir jahrelang Krieg und schmerzlichen Verlust fotografiert haben, wollen wir den Blick der Menschen jetzt auf etwas richten, das die meisten Israelis und Palästinenser nicht sehen können oder nicht sehen wollen: die alltägliche Mitmenschlichkeit“, sagen die Filmemacher Castelnuovo-Hollander und Elterman. „Muhis Geschichte soll die Menschen dazu bringen, sich dem jeweils anderen zu öffnen und über gesellschaftliche Vorstellungen hinauszuschauen.“

Politisch ist die Lage im Nahostkonflikt bekanntlich seit einer gefühlten Ewigkeit festgefahren. Dass Einzelne dennoch vormachen, wie sich Grenzen überwinden lassen, hält die so unerlässliche Hoffnung auf eine bessere Zukunft am Leben. Muhi, Abu Naim und Buma Inbar liefern dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Buma, der selbst im Jom-Kippur-Krieg kämpfte und einen Sohn an der Front verlor, bringt es im Film auf den Punkt. Er hoffe, sagt er, dass die heutigen Kinder Israels und Palästinas später nicht mehr als Soldaten aufeinander schießen müssten.

Header-Bild: Neue Celluloid Fabrik


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