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„Im Irak gibt es keine Zukunft für uns“
Jesiddische Familie Saleem
Heutige Welten

„Im Irak gibt es keine Zukunft für uns“

Bahjat Saleem, Vorstand der Ezidischen Akademie in Bayern, über den Glauben der Jesiden, ihr schwieriges Leben im Irak und ihre neue Heimat Deutschland

Interview von Manuela Pecoraro

Bis zum Sommer 2014 war hierzulande kaum etwas über das Volk der Jesiden bekannt. Erst das grausame Vorgehen der Terrormiliz des so genannten Islamischen Staats (IS) gegen die  Religionsgemeinschaft hat diese ins Licht der Weltöffentlichkeit gerückt. Bilder von fliehenden, ausgehungerten und geschwächten Frauen und Kindern gingen damals um die Welt. Doch wer sind die Jesiden? Woran glauben sie? Wie leben sie hier bei uns in Deutschland ihr neues Leben? Antworten auf diese Fragen gibt mit einem offenen und freundlichen Lächeln Bahjat Saleem, der Vorsitzenden der ezidischen Akademie in München.

Herr Saleem, wer sind die Jesiden?

Bahjat Saleem: Wir sind die älteste monotheistische Religion der Welt. Unser Kalender ist viele tausend Jahre alt und unser Stammland ist das Gebiet des alten Mesopotamien, also im heutigen Irak, Syrien, Türkei und Iran. Unser Hauptsiedlungsgebiet liegt im Nordirak, dort befindet sich  Lalisch, unser größtes Heiligtum. Unsere Sprache ist das Kurmanci, ein kurdischer Dialekt.

Wieviele Jesiden gibt es und wo leben sie?

Weltweit gibt es ungefähr 1,5 Millionen Jesiden. Weil viele fliehen mussten, leben sie auch in Armenien, Georgien, Russland und seit dem Völkermord von 2014 auch in Schweden, USA und Australien. In Deutschland sind es über 150.000, allein in München sind wir jetzt schon 10.000 und täglich werden es mehr.

Woran glauben die Jesiden?

Wir sind Jesiden, und dieses Wort bedeutet: „Gott hat mich erschaffen“. Wir glauben nur an einen, den allmächtigen Gott. Unser Schöpfungsmythos erzählt, dass er aus seinem Licht sieben Engel erschaffen hat. Der wichtigste und höchste Engel ist Taus-i Melek, sein Symbol ist ein Pfau. Er vermittelt zwischen Gott und den Menschen. Nach dem Tod eines Menschen lebt die Seele weiter in einem neuen Körper, sie wird auf einen anderen Körper übertragen. In welchem Körper der Gestorbene weiter lebt, hängt von seinen Taten ab. Er kann auch in einem Hund oder Löwen weiterleben, aber die Seele bleibt. Wir glauben, dass der ewige Geist nicht stirbt und nicht verschwindet, sondern auf die nächste Generation übertragen wird.

Haben Sie Gotteshäuser, in denen Sie sich treffen?

Wir haben keine Kirchen, in denen wir gemeinsam Gottesdienst feiern. Jeder betet für sich, wie er will. Wir haben auch keine Bibel, unsere Religion wurde immer mündlich weitergegeben. Unsere Religion haben wir lange geheim ausgeübt, weil wir sie vor den Muslimen verstecken mussten. (Steht auf und zeigt, wie man betet.) Man dreht sich zur Sonne und betet, einfach so. Wie oft man das macht, spielt keine Rolle. Die Religion ist eine Angelegenheit nur zwischen Gott und mir.

Aber uns fehlt ein Platz, wo wir uns als ezidische Gemeinschaft zu Festen und Feierlichkeiten treffen können. Wir hatten über mehrere Jahre einen festen Versammlungsaal in München. Leider wurde das Haus abgerissen. Jetzt ist es sehr schwer für uns, neue Räumlichkeiten zu finden, obwohl wir die Miete aufbringen könnten. Wir hoffen sehr, dass wir bald einen neuen Raum finden. Denn dieser Saal ist für unsere Religionsgemeinschaft gerade deswegen so wichtig, weil wir keine Gotteshäuser haben. Wir würden uns freuen, wenn wir hier Unterstützung finden könnten.

Was sind die zentralen Gebote?

Du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst andere nicht beneiden, du sollst nur den einen Gott anbeten, du sollst für die Eltern beten, und du sollst nicht die Ehefrau eines anderen wollen. Daneben gibt es fünf religiöse Grundpflichten: die Anerkennung Gottes als den einen Gott und die oberste Macht, die Betreuung durch einen Scheich und die Betreuung durch einen Pir, einmal im Leben eine Pilgerfahrt nach Lalisch und die Wahl eines Jenseitsbruders oder einer Jenseitsschwester.

Was ist darunter zu verstehen: Jenseitsbruder oder -schwester?

Man kann diese Person frei wählen, und zwar eine lebende Person. Man wählt sie vor der Hochzeit aus. Durch diesen Brauch ist man sehr miteiander verbunden – nicht nur auf dieser Welt, sondern man ist auch im Jenseits für einander da. Denn dort nämlich ist der Jenseitsbruder/-schwester als Zeuge da und eine Art Schutzpatron  und trägt die Verantwortung für die Taten im Leben vorher mit.

Warum dürfen Jesiden nur Jesiden heiraten?

Als Jeside wird man geboren. Man kann nicht Jeside werden oder zum Jesidentum konvertieren. Deswegen dürfen wir Jesiden nur untereinander heiraten. Es gibt bei uns drei Kasten: die Scheiche, die Pir und die Mirid. Man darf auch nur innerhalb dieser Kasten heiraten.

Was passiert, wenn jemand einen Nicht-Jesiden heiratet?

Er ist dann kein Jeside mehr und wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Man muss sich klar machen: Wir sind eine Minderheit, und so wurde unsere Religion geschützt.

Das ist in unseren westlichen Augen ganz schön hart…

Mag sein, aber man muss uns auch verstehen. Wir haben Angst, dass unser Jesidentum verschwindet. Denn mit jeder Heirat eines Jesiden mit einem Nicht-Jesiden ginge für immer ein Teil unserer Religion. In München sind wir ungefähr 1000 jesidische Familien. Wenn jemand geht, dann verlieren wir ein Stück weit unsere Kultur. Wir haben Angst, dass das Jesidentum verschwindet.

Warum wurden und werden die Jesiden bis heute verfolgt?

Früher vor dem Islam waren wir eine sehr große Gemeinschaft. Alle Kurden waren laut unserer Überlieferung ursprünglich Jesiden. Dann, seit der Zeit des Propheten Mohammed, wurden wir immer weniger. Für die Muslime sind wir seitdem Kuffar, Ungläubige. Sie verfolgen und töten uns. Was der IS jetzt mit uns macht, ist das Gleiche, was uns die letzten 1400 Jahre angetan wurde. Die Muslime sagen: Entweder du wirst Muslim, oder wir töten dich. Wir zählen die Völkermorde. Der vom Daesh, also vom IS, ist für uns der 74. Ferman. Das ist unser Wort für Völkermord.

Wie ist im Augenblick die Situation im Irak?

Sie ist entsetzlich. Vor dem Angriff des IS im Jahr 2014 gab es ungefähr eine Million Jesiden im Irak. Jetzt sind es weniger als die Hälfte. 10.000 wurden getötet. Die Frauen wurden verschleppt  und als Sklavinnen verkauft. Viele leben in Zeltlagern, es gibt dort keine Zukunft für die Jesiden. Viele sind deshalb geflohen, auch nach Deutschland.

Was passiert mit den Frauen, wenn sie vom IS entkommen konnten und hierher kommen? Gehören sie dann noch zu Ihrer Gemeinschaft?

Ja sicher, wir haben ein Wort von Baba Scheich, unserem geistlichen Oberhaupt. Sie sind heilige Frauen und tragen keine Schuld.

Haben Sie hier in Deutschland auch manchmal Angst?

In Mossul konnte ein Jeside kein Restaurant eröffnen, weil er in den Augen der Moslems ein Kuffar, ein Ungläubiger ist. Moslems dürfen nicht bei Ungläubigen essen. Auch hier in München gibt es manchmal Vorbehalte. Aber wir hoffen, dass wir hier in gutem Kontakt mit den Moslems leben können. Wir wollen mit allen Nationen friedlich zusammenleben.

Wenn Sie sich zurückerinnern: Wie war das für Sie damals, als Sie nach Deutschland kamen?

Es war sehr schwierig am Anfang, denn meine Frau und meine drei Kinder waren noch im Irak. Telefonieren war viel zu teuer. Nur zweimal im Monat für fünf Minuten habe ich mit meiner Familie telefoniert. Schließlich konnten sie nachkommen. Nach fünf Jahren, fünf Monaten und 15 Tagen. Seitdem haben wir versucht, hier ein neues Leben aufzubauen. Wir wollen vergessen, was war.

Haben Sie das Gefühl angekommen zu sein?

Wissen Sie, Deutschland und Irak – das ist wie Himmel und Erde. Irak war mein Mutterland, aber ich will auf keinen Fall dorthin zurück. Deutschland ist nicht mein zweites, Deutschland ist mein erstes Land.

Wenn Menschen in einem fremden Land eine neue Heimat finden, mischen sich in aller Regel die nachfolgenden Generationen miteinander. Angenommen, Ihre Tochter würde einen Deutschen, also einen Nicht-Jesiden heiraten wollen. Was wäre dann?

Ich versuche, meinen Kindern unsere Tradition beizubringen, den Kontakt zwischen den jesidischen Familien zu stärken. Bisher war es bei uns so, dass aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde, wer sich nicht an die Regeln hält. Aber wenn es in der Zukunft passieren sollte, dass meine Tochter einen Deutschen heiraten wollte: Was könnte ich dann sagen? Es ist am Ende ihre Entscheidung.

Und wollen Sie, vielleicht irgendwann in einigen Jahren, wenn es den IS nicht mehr gibt, doch wieder zurück in den Irak?

Wir leben jetzt hier, wir integrieren uns. Ich will immer hier bleiben, ich habe inzwischen auch einen deutschen Pass bekommen. Hier gibt es ein Grundgesetz, das uns schützt, hier fühlen wir uns sicher. Im Irak gibt es kein Leben, keine Zukunft für uns.

Zur Person:

Bahjat Saleem, Vorsitzender der Ezidischen Akademie in München

Bahjat Saleem, Ezidische Akademie in München

Bahjat Saleem wurde 1972 in einem kleinen Dorf 45 Kilometer nördlich von Mossul im Irak geboren. An der Universität Mossul studierte er Elektroingenieur. Weil die Situation im Irak für die Jesiden immer schwieriger wurde, floh er 2002 nach Deutschland. Zurück ließ er seine Ehefrau und seine drei Kinder. „Es war ein Alptraum“, sagt Bahjat Saleem. Dabei lächelt er freundlich. In seiner Stimme ist kein Klagen. Zunächst nur geduldet, erhielt er 2007 schließlich ein dauerhaftes Bleiberecht und konnte seine Familie nachholen. Seinen Universitätsabschluss konnte er in seiner neuen Heimat nicht anerkennen lassen. Die Dokumente befinden sich an der Universität Mossul, und es ist zu gefährlich für seinen Vater oder Bruder, sie zu besorgen. „Ich hatte Angst, dass sie getötet werden“, erzählt Bahjat Saleem. Er arbeitete in München in vielen unterschiedlichen Jobs. 2013 machte er eine Ausbildung zum Busfahrer und ist heute festangestellter Mitarbeiter der Münchner Verkehrsgesellschaft. Deutschland, sagt Saleem, sei für ihn eine neue Welt und ein neues Leben gewesen. In seine alte Heimat will er nie wieder zurück.

Zur Vertiefung lesen Sie den Hintergrundbericht zur Geschichte und zum Schicksal der Jesiden „Die älteste monotheistische Religion der Welt?“


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