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„Das Internet ist vor allem Privatsphäre”

Wem gehört das Internet – reloaded. Interview mit Sebastian von Bomhard (Neues Deutschland, 14.11.2007)

Sebastian von Bomhard, Vorstand der SpaceNet AG, rief 1992 den Non-Profit-Verein MUC.DE e.V. ins Leben, der sich für die Verbreitung des Internet in Deutschland einsetzt. Als einer der Gründer gehörte er der DENIC bis Mai 2007 als Aufsichtsrat an. Zur Frage Wem gehört das Internet referierte er erstmals 1997. Zehn Jahre später fragt Gabriele Hooffacker anlässlich des Kongresses 20 Jahre Vernetzung nach der aktuellen Situation.

Sebastian von Bomhard antwortet zu 'Wem gehört das Internet?'

Sebastian von Bomhard antwortet zu 'Wem gehört das Internet?'


Eben hat Google sein OpenSocial-Netzwerk gestartet. Mit Web 2.0 kann man prima zielgruppengerecht Werbung schalten. Gehört das Internet Google?

Ich mag Google. Aber Google könnte mit etwas Phantasie viel mehr anrichten, als man mit Infrastruktur oder Domains kann. Google könnte beispielsweise ein eigenes Namenssystem erfinden, und wer im Internet gefunden werden will, muss das verwenden..

Die Marketingmaschine läuft: Web 2.0, Social Software, „We Media” - gehört das Internet tatsächlich den Nutzern?

Die Infrastruktur des Internets gehört zwar den Telefongesellschaften, den Carriern, aber sie steht grundsätzlich allen offen. Die Carrier haben wenig bis keinen Einfluss auf die Inhalte. Das war das eigentlich Neue am Internet. Zumindest kann niemand das Netz monopolisieren, nur weil er Infrastruktur besitzt.

Ist das wirklich neu?

Nein. Der Wunsch nach möglichst unabhängiger Kommunikation steckt tief im Menschen. Und so rannten die Leute Ende der 1970er Jahre mit CB-Gurken herum und haben mit Wildfremden bis zum Umfallen kommuniziert. Dieses Leuchten in den Augen vor Freude übers Kommunizieren-Können habe ich auch bei den Internet-Pionieren gesehen. Voice over IP war schon früh ein Ziel. Schon lange, bevor VoIP ökonomisch eingesetzt wurde, also bereits in den 90ern, haben Leute mit ersten Installationen experimentiert – einfach, weil es toll war, unabhängig von der klassischen Telephonie mit jemandem in Brasilien zu reden, auch wenn man nicht unbedingt wusste, worüber.

Gehören die Stadtzeitungen und die Freien Radios nicht auch in die Ahnenreihe?

Natürlich. Mit dem Fortschreiten der Technik können sich immer mehr Menschen leisten zu publizieren. Inhalte einem potenziellen Massenpublikum näher zubringen war noch nie so einfach wie heute. Blogs, Podcasts, YouTube.. und mit Internet-Radio kann jeder mit vertretbarem Aufwand als Privatperson auf Sendung gehen. Trotzdem: Mich hat der Kommunikations-Aspekt immer mehr fasziniert als der der Information.

So was wie Skype..

Wobei das natürlich ein proprietäres Format ist. Verstehen Sie mich nicht falsch: Skype gehört vermutlich zu „den Guten”, gar keine Frage. Aber das Tolle am Internet sind die offenen Standards, wie sie in den RFCs niedergelegt sind. Diese Requests for Comments machten schon immer eine Monopolisierung des Internets schwierig. Mit ein bisschen Phantasie vermag man sich nun leicht vorzustellen, warum Ebay bereit war, einen 10stelligen Kaufpreis für Skype auszugeben. Auch wenn der Kauf derzeit eher dazu beiträgt, den Aktienkurs von Ebay nach unten zu treiben: Die spannende Mischung ist die Kombination aus breiter Userbasis und proprietären Formaten. Das finden Sie bei iTunes, YouTube und sogar mehrfach bei Google.

1997 befürchteten Sie: „Irgendwann gibt es nur noch Gates”..

Habe ich? Nun, Microsoft hatte damals geplant, mit dem heutigen Portal MSN das Internet abzulösen (kichert). Das ist ihnen aber nicht gelungen..

Also, wem gehört nun das Internet, den Amerikanern?

Glauben sie zumindest (vgl. Telepolis-Beitrag von Florian Rötzer Wem gehört das Internet?). Aber sie verkennen, dass die ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers), bei der sie so viel Angst vor den Einflüssen aus Europa und auch Asien haben, nur die Adressen im Netz kontrolliert, nicht das Netz selbst.

Wobei der materielle Wert von Domains nicht unterschätzt werden darf.

Hier sieht man die Kommerzialisierung besonders deutlich: Aus InterNIC wurde Network Solutions Inc. und die Verwaltung u.a. der einträglichen .com-Domains besorgt heute VeriSign. Beides sind Aktiengesellschaften, die sich um den Share Holder Value kümmern müssen.

Privatisierung hatten wir ja in Deutschland auch..

Tja, die Leitungen waren mal Volkseigentum.. Dass die Leitungen nicht mehr im Staatsauftrag von der Deutschen Bundespost verwaltet werden, hat unbestritten Vorteile. Aber auch Nachteile: Die Telekom als Postnachfolger und in vielen Bereichen de-facto-Monopolist hat die Infrastruktur einfach mitgenommen und muss sie nun „reguliert” betreiben.

Was heißt das?

Einerseits sieht sich die Telekom nun gezwungen, ebenfalls nach Shareholder Value-Prinzipien zu handeln und weniger profitable strukturelle Überlegungen hintan zu stellen, solange sie von der Regulierungsbehörde nicht dazu gezwungen werden. Dabei muss die Telekom der Versuchung widerstehen, ihre Macht zu missbrauchen. Das gelingt nicht immer, was man beispielsweise beim Peering sieht: Alle Provider tauschen Daten untereinander aus, jeder trägt seine Kosten und berechnet sie an seine Kunden weiter. Die Telekom tut dies nur, wenn sie den Partner als ebenbürtig ansieht, alle anderen sind Kunden und zahlen für jede Datenübertragung.

König Kunde zahlt also königliche Preise..

Viele sind es nicht gerade, die die Telekom als vergleichbar ansieht. Da die Telekom ein kommerzielles Unternehmen ist, ist das natürlich nur konsequent. Und es liegt außerhalb der Reichweite der Regulierungsbehörde. Umgekehrt ist es aber ebenso problematisch: Was die Telekom baut, muss sie womöglich allen Wettbewerbern zu gleichen Konditionen anbieten. Das fördert den Netzausbau auf dem Land ebensowenig wie die Innovation auf dem bestehenden Netz.

Was ist eigentlich aus IPv6, dem Internet Protocol Next Generation, geworden?

Eben. Davon rede ich. Komisch, dass man in der Öffentlichkeit nichts mehr davon hört, gell? Tatsächlich werden hier durchaus noch EU-Gelder ausgegeben. Die Umsetzung hängt an „der Industrie”. Uns können die nicht meinen. Die Hardwarehersteller auch nicht. In Deutschland steht und fällt die Einführung von IPv6
nämlich noch mit der Entscheidung der Telekom für IPv6. Hier „gehört” das Internet also auf einmal der Telekom?

Das erinnert an ENUM, die Übersetzung von Telefonnummern in Internet-Adressen – da geht es auch nur sehr langsam weiter. Absicht?

Das haben Sie gesagt. Das Thema liegt in Deutschland offiziell bei der Denic eG, aber ich würde nicht ausschließen, dass die Telekom versucht Einfluss zu nehmen, um Public ENUM zu behindern.

Steuererklärungen per Internet, E-Government: Hat sich der Staat mit dem Internet ausgesöhnt?

Teils, teils. Deutsche Richter und Staatsanwälte haben immer noch ihre Schwierigkeiten mit dem Internet und seinen Implikationen. Da hat sich seit 1996 nicht viel geändert, als gegen mich persönlich und weitere Provider ein Ermittlungsverfahren wegen „Verdacht auf Unterstützung einer terroristischen Vereinigung” eingeleitet wurde, weil man über unsere Zugänge den niederländischen Provider XS4ALL erreichen konnte, auf dessen Servern wiederum die Zeitung „radikal” gehostet wurde, neben vielen anderen Anbietern. Dort gab es dann eine Anleitung zum Sabotieren von Bahnanlagen. Die Bundesanwaltschaft legte uns „nahe”, den kompletten Datenverkehr zu XS4ALL zu unterbinden, widrigenfalls .. Und heute sollen die Provider Seiten in arabischer Sprache auf Hasspredigten screenen – kein Witz! Noch immer reagiert der Staat unsicher auf das Netz.

Für wie bedrohlich halten Sie die Überwachungsmöglichkeiten online?

Das Internet ist vor allem auch: Privatsphäre. Und hier sehe ich die größten Gefahren durch staatliche Übergriffe. Zuerst wird die Privatsphäre im Internet ignoriert, und dann analog im wirklichen Leben. Man ist nicht gleich Anarchist, wenn man das beharrliche Betreiben hauptsächlich des Bundesinnenministeriums mit Argwohn betrachtet. Zum Glück reagiert die Öffentlichkeit wieder, eine Weile dachte ich schon, das Thema interessiere seit den frühen 80ern keinen mehr.

Wem gehören eigentlich die Inhalte des Internets?

Gute Frage.. Aber bevor wir jetzt das Urheberrecht diskutieren, eine Gegenfrage: Warum kann man eigentlich Videos von YouTube nicht auf dem eigenen PC speichern? So etwas wie die Kulturflatrate oder die Wissensallmende halte ich für eine spannende Idee, auch wenn ich die Idee schuldig bleibe, wie das praktisch umgesetzt werden kann.

Der Beitrag ist erschienen im
Tagungsband 'Wem gehört das Internet?' (2008).

Letzte Aktualisierung: So. 07. 11. 2010. 10:39 Uhr (GaHo)
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