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Von Kämpfern und Sprachen
Wachmann bei Schranke
Heutige Welten

Von Kämpfern und Sprachen

Der langhaarige Kämpfer packt den Kopf des Vollbärtigen in den Schwitzkasten. Das Publikum um den Wrestlingring tobt auf dem Bildschirm des I-Phone7. Das I-Phone liegt in einer Hand vor der Hütte für die Sicherheitsleute. Im Holzhaus steht eine Kaffeemaschine, auf dem Regal liegt eine Packung Kekse mit roter Penny-Aufschrift. Eine Seite der Hütte ist offen wie bei einer Strandbar. Auf der Theke liegen Formulare, auf denen John mit einem lila Kugelschreiber die einfahrenden LKWs notiert. Vor der Öffnung zündet er sich eine rote LM an und fragt mich: „Hi bro, how’s your leg?“

Seitdem wir vor Jahren gemeinsam in der Sicherheitsbranche gearbeitet hatten, hat einer von uns Beinschmerzen. Jetzt sitzen wir auf dem Parkplatz für DHL-Laster in Aschheim. Ein nahendes Motorgeräusch ist zu hören. John steht auf vom gepolsterten Bürostuhl und springt auf den Kieshügel nebenan. Mit drei ausladenden Schritten gelangt er auf die andere Seite der Schranke. Die Kippe im Mundwinkel steckt er den Schlüssel in den Schlitz an der Seite der Schranke. Mit der Linken zieht er den schwarzen Kunststoffknopf heraus. Damit öffnet er den Haken, der die Metallstange festhält. Jetzt hebt er die Stange allein mit den Muskeln des linken Arms. Er lässt einen Laster herein, auf dessen Seite „DHL“ steht. So hieß die US-Firma, die die Deutsche Post vor Jahren aufgekauft hatte. Das weiß John nicht. Es ist nicht sein Job, es zu wissen. Reden muss er hier auch nicht viel.

Johns Platz in der deutschen Wertschöpfungskette

Verdi setzte 2018 Tariflöhne zwischen 10,63 bis 14,44 Euro für geprüfte Schutz- und Sicherheitskräfte mit Werkschutzlehrgang und IHK-Prüfung durch. Irgendwo in diese Lohnkategorie fällt John.

Wachmann in der Sonne

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, sagte Wittgenstein. John kann das „r“ nicht aussprechen. Seitdem ich ihn kenne, spricht er meist Englisch. Aber er sagt „Palaglaf“ auf Deutsch, wenn er über die Bewachungserlaubnis spricht. Das meint die behördliche Erlaubnis, fremdes Eigentum zu bewachen. In Deutschland wird die Unterrichtung nach Paragraph 34a der Gewerbeordnung durch die IHK durchgeführt und stellt die grundsätzliche Voraussetzung für eine Tätigkeit im Bewachungsgewerbe dar. Für Sicherheitspersonal sind hier 40 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten vorgesehen. Am Ende müssen die Kandidaten einen Multiple-Choice-Test auf Deutsch bewältigen.

Im Industriepark von Aschheim schöpft DHL, wo John ausgeliehen ist, einen guten Teil des Werts namens Bruttoinlandsprodukt. Daneben breitet sich XXXLUTZ aus und gegenüber verkauft ein Händler Kubota-Minibagger und Rasenmäher. Auf dem Parkplatz für DHL LKWs beißt die Sonne mit scharfen Stichen in alles Lebendige. Das sind Sträucher, Gräser und John. Mit kleinen Augen blinzelt er in die Sonne.

Damals beim Ostbahnhof in München

Zwei Jahre früher: München, Ostbahnhof. John bringt Brot für seinen „Junior Bruder“, wie er ihn nennt, in die Wohnung. Die vermietet er an Nigerianer weiter, die in Hotels Zimmerdienst machen. Mit Nigerianern spricht John Igbo, mit Weißen Englisch. Er legt die Tüten ab, setzt sich in den Sessel und dreht eine riesige Tüte. Eine Psychiaterin aus dem Haarer Klinikum ist dabei. Sie hatte einen Bekannten Johns betreut, der abgereist ist oder abgeschoben wurde. Oder werden sollte. Ihrer Meinung nach. Nach der halben Tüte ist es nicht mehr klar. Johns Untermieter liegt auf seinem Bett und lässt den aktuellen Reggae aus dem Lautsprecher dröhnen. Den Stoff bezieht John vom türkischen Dealer, im Ostbahnhof unter Rauchern und Trinkern ausfindig gemacht. Er lässt Wizkid und Chris Brown vom Handy spielen. „I love my Hip-Hop“. Sein Vater importiert Glas für Baumaterial aus China nach Nigeria. John ist Igbo aus Ost-Nigeria, wo alle christliche Namen tragen. Im Norden wohnen die Muslime. Elektroingenieur hatte er studiert – auch in Großbritannien – und abgebrochen. Dann war er im Rahmen der Freizügigkeit nach München zu Besuch gekommen. Deutschland sieht er als  entspanntes Land. „Life in the UK is rough“. Im seinem ersten Job in München hatte er zwei tausend Euro im Monat durch  Flüchtlingsheimbewachung verdient. „That’s moooney bro.“ Samstagabends ist er Rausschmeißer im Afrobeat-Club. Sein Handy klingelt dauernd, Frauen rufen an. Verlebte und verlotterte. Gerne würde John beim Marktführer „Securitas“ arbeiten. Nur wollen sie ihn nicht einstellen, weil er nicht genug Deutsch kann. Warum verbessert er sein Deutsch nicht?

Ist John ein neuer Mensch?

Vom Zentrum Münchens dauerte die Fahrt durch U-Bahn Haltestellen im Waschbetonlook in den Osten dreiundsechzig Minuten. In Feldkirchen, dem Dorf vor Aschheim, warten Gruppen junger asiatischer Migranten vor Bürogebäuden aus Glas auf den Bus.

Hand mit Schmuck

Ein kleiner LKW fährt hinaus. Mit dem Arm, auf dem „Marion“ und darunter „John“ tätowiert sind, hebt John die Stange. Dann macht er zwei leichte Kaffees und steckt sich eine Kippe an. Aus der schwarzen Trekkinghose und schwarzem T-Shirt hat die Sonne graue gemacht.

„I will get married in a few months“, sagt er. Vor zwei Jahren hatte er dasselbe gesagt, damals bezüglich einer Polin. John schmunzelt: „Immer wenn du heiraten willst, machen sie etwas Dummes. Ich kann nicht mit Stress leben. Der Sicherheitsberuf ist schwer, du musst dich fokussieren.“

Wer sind die Igbos?

Die Igbo sind eine afrikanische Ethnie mit über 30 Millionen Menschen in Nigeria, die vor allem im von Savanne unterbrochenen Regenwald östlich des Niger-Unterlaufs lebt. Igbo ist einer der drei großen Landessprachen. Die Igbo sind neben den Yoruba und Hausa eine der großen Volksgruppen in Nigeria. Gegen die nigerianische Zentralregierung hatten sie sich im Biafrakrieg von 1967 bis 1970 nicht durchgesetzt. Einen selbstständigen Igbo-Staat hat die Welt weiterhin nicht.

„Warum fragst du mich nach dem Türken“, fragt John. „Er sitzt im Knast. Aber das ist Vergangenheit.“ Die Haut seiner Handfläche ist kühl, stark, und hart. Der Händedruck angenehm. Die Augenbälle verschwimmen hinter den Schlitzen der Augen. „Ich kann mich nicht um alle dummen unbekannten Leute kümmern“, sagt er in gutem Englisch, wenn ich ihn frage, warum sein Handy nicht mehr klingelt. „Ich brauche die ganzen verrückten Leute nicht. Ich hab jetzt ein Kind. Wenn sie mich kiffen sieht, wird sie denken, es sei normal.“

Johns Ausbildung zum Deutschsprecher

Am Anfang hatte er in München einen sechsmonatigen Sprachkurs bezahlt bekommen und absolviert. Der Abschluss Niveau B2 bedeutet „selbständige Sprachverwendung“. John findet Lernen langweilig. Zwölfstundenschichten schiebt er dagegen gerne. Zwei Wochen tagsüber, zwei Wochen nachts, von neun bis neun.

„Ich kann nicht mit Leuten arbeiten, die ihre Arbeit nicht ernst nehmen“, sagt er. Deswegen ist er allein auf dem Parkplatz, der im Aufbau ist. Oder weil er nicht viel mit Menschen reden muss. Am Ende zeigt er mir seine SMS an den „Tschef“ auf Deutsch: „Ich hole Rest meines Lohns später ab.“ Dem Journalismuslehrer Wolf Schneider würde der Satzbau gefallen. Als ich den Parkplatz verlasse, werde ich das Gefühl nicht los: Ich weiß immer noch nicht, ob er Deutsch kann. „Ich kann Deutsch bro. Du hörst mich mit den Leuten reden“, sagt John.

Das Ringen mit der Sprache hat John noch nicht gewonnen, aber es sieht gut aus für ihn.

Parkplatz mit LKWs


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