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Der Araber von Morgen
Vergangene Welten

Der Araber von Morgen

Das Syrien der 80er Jahre durch die Augen eines Kindes betrachtet. Der erste Band von Riad Sattoufs Graphic Novel „Der Araber von Morgen – Eine Kindheit im Nahen Osten (1978 – 1984)“ erzählt von einer Kindheit in Libyen und Syrien.

Das Internet und soziale Medien, günstige Langstreckenflüge und eine Gesellschaft mit gefühlt steigendem Reisefieber lassen alte und neue Welten zusammenwachsen. Räumliche Distanzen sind immer leichter überwindbar, wodurch sich kulturelle Gräben oft tiefer und deutlicher aufzeigen. Es wird so viel darüber geredet, wie fremd man sich ist, dass allein schon die so entstandenen Vorurteile einen kulturellen Austausch behindern. Dabei würde eine Autofahrt von München nach Damaskus, der Hauptstadt Syriens, ohne Unterbrechung nur etwa 36 Stunden dauern. Diese räumliche Nähe ändert nichts daran, dass den Mitteleuropäern die Araber, seien sie Syrer oder Libyer, manchmal fremder erscheinen als nahezu jede andere Kultur auf dem Planeten. Literatur wie die Graphic-Novel „Der Araber von Morgen“ von Riad Sattouf ermöglicht es, im Lesesessel Grenzen zu überschreiten.

Riad Sattouf ist ein französisch-syrischer Comicautor und Regisseur. Er hat unter anderem für Charlie Hebdo gearbeitet. Seine Mutter ist Französin, sein Vater Syrer. In Syrien und in Libyen verbrachte Sattouf seine Kindheit; ging auf eine muslimische Schule, bevor er mit seinen Eltern im Alter von zwölf Jahren nach Frankreich zurückkehrte.

Von freundlichen Riesen und großen arabischen Präsidenten

Mit der Graphic-Novel-Reihe „Der Araber von Morgen“ wurde Sattouf einem größeren Publikum international  bekannt. Sattouf erzählt darin von seiner Kindheit. Er beginnt aus der Perspektive eines Zweijährigen, der die Welt als „Nebel“ wahrnimmt, bewohnt von „freundlichen Riesen“. Die Geschichte handelt mitunter von seinem Vater Abdel-Razak, der aus einfachen Verhältnissen kommt und Zeitgeschichte studiert hat. Er liebt Frankreich, weil wie er sagt, jeder dort machen kann was er will und das Studieren sogar bezahlt wird.

Abdel-Razak glaubt fest an den Panarabismus. Er will sich für die Bildung der Araber einsetzen, um sie von der Geisel des religiösen Aberglaubens zu befreien. Derart politisch motiviert bewirbt er sich auf eine Dozentenstelle in Libyen. Er bekommt die Stelle und die Familie reist nach Tripolis. Sattouf unterstreicht den Ortswechsel mit einem Farbwechsel, die Graphic Novel ist jetzt größtenteils gelb gehalten, im Gegensatz zu den blauen Passagen über Frankreich.

Riads Vater ist zuerst großer Anhänger von Muammar al-Gaddafi, dem libyschen Diktator, den er für einen großen arabischen Präsidenten hält. Ständig ist das Bild Gaddafis auf dem Fernseher zu sehen, begleitet von religiösen Treueschwüren. Erst als dieser ein Gesetz erlässt, das vorsieht, dass bestimmte Bürger zum Berufswechsel gezwungen werden können, beschließt die Familie, nach Frankreich zurückzukehren.

Zwischen Schlägern und Ziegenhirten

Überwiegend rot wird die Färbung der Seiten, als es nach Syrien geht, wo Abdel-Razak jetzt als Dozent arbeiten will. In einem Vorort der syrischen Stadt Homs lebt die Familie nah an der Verwandtschaft des Vaters. Die Mutter Clémentine ist bemüht, sich anzupassen und zurechtzufinden, was ihr zunehmend schwerer fällt. Auch der kleine Riad Sattouf hat es hier zuerst viel schwerer, Spielkammeraden zu finden als in Libyen und Frankreich. Seine beiden Cousins Anas und Moktar beschimpfen ihn als „dreckigen Juden“ und suchen ständig Streit mit ihm. Erst später lernt er zwei weitere Cousins kennen, die im Nachbarhaus wohnen: Mohamed und Wael sind ihm freundlich gesinnt, jedoch die meiste Zeit mit Ziegenhirten beschäftigt.

Als die Familie in den Ferien nach Frankreich fährt, denkt Riad zunächst, diese Heimkehr wäre für immer. Sein Vater verkündet ihm am Ende des ersten Bandes, die Rückkehr nach Syrien stünde unmittelbar bevor, immerhin müsse er dort zur Schule gehen. Der jetzt sechsjährige Riad ist entsetzt.

Eine Welt voller Widersprüche

Riads Vater ist die meistbehandelte Nebenrolle in diesem ersten Band der Serie und voller Wiedersprüche. Einerseits hält er die Franzosen für Rassisten, etwa, als er die Bewertung „cum laude“ (mit Lob) für seine Doktorarbeit erhält.  Andererseits äußerst er sich selbst rassistisch und nennt den Affenmenschen aus einer Science-Fiction-Serie im Fernsehen einen Neger. Obwohl Riads Mutter eine moderne französische Frau und die Beziehung weitestgehend gleichberechtig ist, verteidigt er die Stellung der Frau in der arabischen Welt. Als Clémentine im libyschen Radio einen unfreiwilligen Lachkrampf erleidet, weil das von ihr Vorzulesende absurd ist, bietet er ihre Kündigung an. Sie sei eine Frau und deshalb hysterisch. Siebzehn Jahre lang war Riads Vater nicht nach Syrien zurückgekehrt, auch, um der Wehrpflicht zu entkommen. Die Juden sieht er aber als Feinde Syriens. Als Riad fragt, was ein Jude ist, antwortet der Vater, Juden seien die schlimmste Rasse, die es gäbe. Nahezu alles, was der Leser über die arabischen Präsidenten und die Politik der achtziger Jahre erfährt, wird von Abdel-Razaks Reaktionen begleitet. Saddam Hussein werde Großes leisten, sagt er beispielsweise, als im Radio zu hören ist, dieser hätte den schiitischen Imam Khomeini aus dem Irak ausgewiesen. Wenn Clémentine ihm widerspricht oder Paroli bietet, mokiert er sich über sie: „Deine Mutter liebt die Juden“ sagt er zu Riad, „als ich sie kennenlernte, besaß sie alle Platten von Enrico Macias!“ Dabei bleibt die Figur aber sehr menschlich: Abdel-Razak wird niemals gewalttätig. Riad Sattouf stellt seinen Vater liebenswert, aber auch konservativ, naiv und bisweilen herablassend dar, wie er und seine Mutter ihn wahrscheinlich erlebt haben.

Sattoufs Zeichnungen gelingt es den Leser in die Rolle eines Kindes zu versetzen. Voller Bewunderung ist er für den Vater, der stundenlang in einer Art Sit-up-Position mit gehobenem Kopf auf dem Rücken fernsieht, ohne zusammenzuklappen. Fasziniert ist er von den verschiedenen Erwachsenen, die er beobachtet, besonders in der Großstadt Damaskus. Gerührt ist er von den intimen Momenten, zum Beispiel wenn der Vater ihm zeigt, dass auch er zwei zusammengewachsene Zehen hat.

Leben, Leiden und Lachen

Es ist ein kritischer, aber wohlmeinender Blick, der hier auf die arabische Welt geworfen wird. Sattouf singt kein Loblied auf die Bevölkerung Libyens oder Syriens und schon gar nicht auf die Politik und ihre Protagonisten. Der ehrliche Umgang mit Stereotypen und Klischees ist es, der dieses Syrien der 80er Jahre so glaubwürdig macht. Hinterwäldlerische Großeltern, Onkel, Tanten und Nachbarn vom Land oder geltungsbedürftige Reiche aus der Großstadt kennen mitteleuropäische Leser aus der eigenen Lebensrealität. Ähnliche Menschen zeigt Sattoufs Graphic Novel in Syrien und Damaskus. Dass das Leben in Syrien stärker von Armut, Religion und Krieg geprägt ist, ist nicht unerwartet.

Was überrascht ist der selbstironische Humor des Autors. Die Kinderperspektive an sich ist komisch. Lustig sind auch die absurden Beschimpfungstiraden: „Fick den Vater der Mutter der Mutter deines Vaters“ improvisiert Riad, als er von Mohamed und Wael das Fluchen lernt. Der humorvolle Umgang mit den Protagonisten macht sie menschlich und greifbar, als würde der Leser sie persönlich kennen. Sattoufs reduzierter Zeichenstil sorgt für ein gelungenes Lesevergnügen. In manchen Passagen arbeitet er mit klassischen Comic-Elementen, etwa wenn Riads Großmutter ihm mit der Zunge das Auge leckt um einen juckenden Fussel zu entfernen. Riad steht dann verdutzt, mit einer gekringelten Linie über dem Kopf und über die ganze Stirn aufgerissenen Augen auf der Stelle.

Der Leser leidet mit Riad und streckenweise mit seiner Mutter, als europäische Großstadtwelt und  arabische Provinz zusammenprallen. Gleichzeitig passt er sich aber auch mit ihm an, er lernt ein paar Worte Arabisch, lernt Schimpfen und sich wie ein richtiger syrischer Junge zu verhalten. So wird spürbar, was immer so war, dass Damaskus, Syrien und Libyen bloß um die Ecke sind.

Riad Sattoufs „Der Araber von Morgen – Eine Kindheit im Nahen Osten (1978 -1984) (Band 1)“ ist in der deutschen Übersetzung von Andreas Platthaus im Knaus Verlag erschienen.


  1. […] Ramelsberger ließ sich von Riad Sattouf, Autor der Graphic Novel „Der Araber von Morgen“, ins Libyen und Syrien der 1980er Jahre entführen. In seiner Kritik freut sich Ramelsberger […]

    18 Oktober

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