Wenn plötzlich alles dunkel ist

2015 hatte Marco Kaulbas einen Unfall auf der Autobahn. Seitdem ist er blind. Der 20-Jährige erzählt, wie sich sein Leben dadurch verändert hat. Ein Interview von Alexander Karl.


Im Berufsförderungswerk Würzburg absolviert Marco gerade eine Reha, um sich auf sein neues Leben einzustellen. Dort berichtet der junge Mann aus dem Kreis Deggendorf in Niederbayern uns von seinem alten und neuen Leben.

Zusammengeklappter Blindenstock
Foto: Brigitte Tacke

Als Sie aus dem Koma erwacht sind: Was war Ihr erster Gedanke?
Mein erster Gedanke war: „Ich muss ins Fußballtraining.“ Der zweite war: „Träume ich schlecht? Oder sehe ich tatsächlich nichts?“ Als mir der Arzt mitgeteilt hat, dass ich blind bleibe, habe ich das erst gar nicht richtig kapiert.

Wie ist der Unfall passiert?
Ich war beruflich auf der Autobahn unterwegs und wollte einen LKW überholen. Der ist plötzlich ausgeschert und hat mich mit seinem Anhänger voll getroffen. Ich bin drei Wochen im Koma gelegen und hatte einige Knochenbrüche. Die sind längst verheilt. Geblieben ist, dass ich jetzt schwarzblind bin, also wirklich gar nichts mehr sehe.

Beschreiben Sie kurz Ihr Leben vor diesem Einschnitt.
Ich habe damals eine Ausbildung zum Schreiner gemacht und hatte einen Nebenjob bei einer Autovermietung. Und ich habe leidenschaftlich Fußball gespielt. Sogar Talentscouts hatten mich schon beobachtet. Das geht jetzt natürlich alles nicht mehr.

Meine Familie hat mich ins Leben zurückgeholt.

Wie ist es stattdessen weitergegangen?
Nach einer Reha zum Muskelaufbau war ich ein halbes Jahr daheim. Zu der Zeit bekam ich viel Mobilitätstraining mit dem Blindenstock. Vor allem meine Familie hat mich von Anfang an unterstützt und mich ins Leben zurückgeholt. Meine Tante hat mich in ihrer Wirtschaft ausschenken lassen – das hat mir Selbstbewusstsein zurückgebracht. Im März ging es dann hierher ans Berufsförderungswerk. Hier lerne ich noch mehr Dinge, die ich für mein neues Leben brauche, etwa die Blindenschrift. Finanziell hilft die Berufsgenossenschaft.

Marco trägt Mütze und Sonnenbrille. Er kniet mit seinem neuen, schwarzen Blindenhund in einer Einfahrt
Marco trainiert regelmäßig mit seinem neuen Blindenhund. (Foto: Marco Kaulbas)

Ihr Unfall ist nun bald zwei Jahre her. Wie geht es Ihnen heute?
Gut. Das Leben geht weiter. Klar, leicht gesagt, aber so sehe ich das eben.

Haben Sie sich psychologische Hilfe gesucht?
Am Anfang wurde mir dazu geraten, aber es war nicht nötig. Zuerst war es schon hart, weil sich einige Freunde von mir abgewandt haben. Andere haben aber zu mir gehalten und ich habe bald auch neue Freunde gefunden. Außerdem kann ich mit meiner Familie über alles reden. Dadurch ist es mir bald besser gegangen.

Mein erstes Ziel ist Eigenständigkeit – und ich habe schon viel geschafft.

Wie sehen nun Ihre Ziele und Pläne aus?
Mein erstes Ziel ist Eigenständigkeit – und ich habe schon viel geschafft: Ich fahre allein Bus und Bahn und brauche immer weniger Hilfe im Alltag. Bald bekomme ich einen Blindenhund – auf diesen neuen Kameraden freue ich mich sehr. Nach der Reha mache ich hier in Würzburg eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Ich treibe auch wieder Sport, spiele Torball und Showdown, eine Art Tischtennis. Das will ich auch zu Hause fortführen.

Haben Sie einen Rat für Menschen, denen etwas Ähnliches zugestoßen ist?
Lasst euch auf alles ein, was euch angeboten wird. Verpasste Chancen bereut man später. Bei Sorgen hilft Reden – mit Freunden, der Familie, den Leuten in der Reha. Seid offen. Das musste ich auch erst lernen.

Ein Ausblick zum Schluss: Wie leben Sie in fünf Jahren?
Wer weiß. Vielleicht arbeite ich im Büro für BMW oder die Bundeswehr – möglichst nicht weit weg von daheim. Familienplanung steht wohl noch nicht an. Aber man weiß nie, was die Zukunft bringt.

 


Das BFW Würzburg

Das Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg mit Sitz in Veitshöchheim ist eine Ausbildungsstätte für blinde und sehbehinderte Erwachsene. Ziel ist die (Wieder-)Eingliederung ins Berufsleben. Bis zu 200 Teilnehmern aus ganz Deutschland bietet das BFW Berufsvorbereitungskurse und Ausbildungen, etwa in Büromanagement und Physiotherapie. Barrierefreie E-Learning-Kurse sind auch für Externe zugänglich. Spät Erblindete lernen hier in einer einjährigen Grundreha unter anderem Blindenschrift und Umgang mit dem PC und erhalten bei Bedarf auch Unterricht in Deutsch, Englisch und Wirtschaft.

 

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