Unter der Schwarzbrille sind alle gleich

Fast jeder Mensch treibt Sport – oder verfolgt ihn zumindest im Fernsehen. Aber was, wenn man nichts sehen kann? Wie sieht Mannschaftssport für Blinde aus?

  

„Was? Schon wieder vom Innenpfosten ins Tor?“ Nach ihrem dritten erfolglosen Abwehrversuch rappelt Irmina Reithmair sich auf. „Weißt du, Hans, normalerweise bist du mir ja ganz sympathisch, aber heute nervst du mich echt.“ Ihre Mitspieler lachen und Irmina setzt zum Gegenangriff an. Ihr Wurf verfehlt das Tor aber knapp. Wieder ärgert sich die 27-Jährige über ihren Fehler und stampft auf den Boden. Dann nimmt sie wieder ihre Abwehrposition ein. Irmina Reithmair spielt Blindentorball.

Irmina Reithmair, blond mit Brille lächelnd in einem blauen T-Shirt
Irmina Reithmair (Foto: Georg Helf)

Die junge Frau aus Grafenau im Bayerischen Wald will es unbedingt schaffen, mit ihren meist männlichen Teamkollegen mitzuhalten. Dazu holt sie sich nach dem Spiel und auch währenddessen Tipps von ihrem Trainer: „Versuch, das Bein beim Abwehren schneller nach oben zu bekommen.“ – „Streck den Arm beim Wurf richtig durch.“ Dabei ist Irmina gar nicht blind. Im Gegenteil: Mit Kontaktlinsen sieht sie sehr gut. Torball entdeckte Irmina durch ihr Studium der Sportwissenschaften. Sie suchte mit einer Kommilitonin eine interessante Sportart für ein Projekt zum Thema Trainingsdiagnostik: „Wir wollten etwas Ungewöhnliches machen. Tennis oder Schwimmen macht doch jeder, dieses Null-Acht-Fünfzehn wollten wir nicht. Da kamen wir auf die Idee, in Richtung Behindertensport zu gehen, und schließlich auf Torball.“ So kam Irmina Reithmair zu ihrer heutigen Trainingsgruppe. Nach dem Ende der Studie hörte sie zunächst auf zu spielen, wurde aber wieder angestachelt und ist seit Sommer 2016 fest dabei.

Worum geht es?

Blindentorball ist ein Mannschaftssport: Zwei Teams mit je drei Spielern versuchen, einen Ball in das Tor der Gegner zu werfen. Alle Akteure sind sowohl Angreifer als auch Verteidiger. Die beiden Tore erstrecken sich über die gesamte Feldbreite. In jeder Hälfte sind als Orientierungshilfe drei Matten auf den Boden geklebt: eine liegt zentral direkt vor dem Tor, die anderen links und rechts davon etwas weiter vorne. Jeder Spieler ist auf einer der Matten oder knapp davor positioniert.

Ein Torball liegt auf einer Bank. Daneben sind die gelben Leinen gespannt und ein Glöckchen daran zu sehen
Foto: Georg Helf

Gespielt wird mit einem Lederball, vergleichbar mit einem etwas größeren Volleyball. Alle Spieler tragen eine lichtundurchlässige Stoffbrille. Damit sie den Ball orten können, befinden sich in diesem kleine Metallringe. Quer über das Spielfeld sind drei Leinen gespannt. An ihnen hängen Glöckchen. Die angreifende Mannschaft wirft den Ball darunter hindurch auf das Tor. Dabei dürfen die Leinen nicht berührt werden.

 

Der Veteran

Der Mitspieler, der Irmina heute so genervt hat, heißt Hans Demmelhuber. Er hat mit diesem Sport schon viel erlebt. Der Niederbayer aus dem Kreis Mühldorf am Inn ist 55 Jahre alt und sieht seit 1984 infolge einer Netzhauterkrankung fast nichts mehr. Damals schulte er vom Zimmermann um zum Masseur und entdeckte während dieser Maßnahme den Torballsport für sich. 1990 zog er nach München, lebt dort mit seiner Frau Petra und dem sechsjährigen Sohn Benedikt und arbeitet als Masseur in einer Klinik.

Hans Demmelhuber, braune Haare, blickt entschlossen in die Kamera. Erträgt ein schwarzes Trikot mit roten Ärmeln und einer gelben Nummer eins auf der rechten Brust.
Hans Demmelhuber (Foto: Georg Helf)

In seiner Wohnung stapeln sich die Pokale: Mit seinem Verein, der Spielgemeinschaft Mühldorf-Altötting-Landshut, ist Hans seit 1994 13-mal deutscher Meister geworden, sechsmal hat der Club die europäische Champions League gewonnen. Auch dieses Jahr holte die SG den nationalen Titel mit hauchdünnem Vorsprung. Das Champions-League-Turnier sollte in Italien stattfinden, musste wegen eines schweren Erdbebens aber abgesagt werden. Auch Nationalspieler war Hans Demmelhuber 23 Jahre lang. 1997 wurde er Europameister im eigenen Land. „Da war ich auch Torschützenkönig. Das war ein Highlight.“

Wie viele seiner Kollegen hat Hans Demmelhuber auch lange Goalball gespielt. Goalball ist der „große Bruder“ des Torballs: Das Spielfeld ist größer, der Ball schwerer, das Spiel dauert länger. Anders als in Deutschland ist es weltweit weiter verbreitet als Torball und seit den 70er-Jahren paralympisch. Auch Hans war zweimal dabei, 2000 in Sydney und vier Jahre später in Athen. „In Sydney vor 110.000 Menschen ins Olympiastadion einzulaufen war unglaublich“, erinnert er sich. „Da bekomme ich jetzt noch eine Gänsehaut.“

Spaß trotz Spielermangels

Seit 2004 trainieren die Landshuter in München zusammen mit dem Behindertensportverein München. Denn sie finden immer weniger Mitspieler: „Vor 20 Jahren waren wir in Landshut noch acht oder neun, heute sind wir maximal zu viert“, so Hans. Blindentorball und Behindertensport allgemein sind auf dem Rückzug. Die Zahl der Torballvereine in Deutschland ist von einst ungefähr 50 auf etwa 20 gesunken. Zum Teil sieht Hans darin ein Problem des Sports allgemein – den Fußball ausgenommen: „Die Jugendlichen sind immer weniger bereit, sich im Mannschaftssport zu engagieren.“ Es gibt aber auch schlicht immer weniger Blinde – „zum Glück“.

Im Vordergrund kniet das verteidigende Team vor ihren Matten. Im Hintergrund macht sich ein Angreifer bereit für den Wurf
Beim Angriff darf der Ball die Leinen nicht berühren. (Foto: Georg Helf)

So treffen sich momentan noch bis zu neun Münchener und Landshuter jeden Montag und Mittwoch zum Training in einer Schule in München-Haidhausen – natürlich erst abends, schließlich ist Torball ein reiner Amateursport. Selbst die besten Spieler können von Preisgeldern nur träumen. Beim Goalball ist es nicht anders. Den Spielern geht es um den Spaß am Sport. Alle verstehen sich gut, vor und nach dem Training wird geplaudert und gescherzt, einige lassen den Abend anschließend noch zusammen im Wirtshaus ausklingen.

Das Spiel läuft

Während des Spiels ist aber jeder mit Ernst und Einsatz bei der Sache. Wenn man einem Trainingsspiel zusieht, beziehungsweise –hört, erscheint Torball manchmal langsam und statisch. Das Hin und Her der Angriffe wird häufig durch Einzelgespräche mit dem Trainer unterbrochen. Oft, vor allem in den „echten“ Spielen, entwickelt sich aber auch ein packender Schlagabtausch und die Spieler müssen ständig schnell zwischen Angriffs- und Abwehrposition wechseln.

Beim Wurf macht man am besten einen großen Ausfallschritt. Dann schleudert man den Ball über das Spielfeld. Die Bewegung erinnert etwas ans Kegeln – schließlich darf der Wurf nicht zu hoch geraten. Damit die Torballer ihre Würfe in den Trainingsspielen nachvollziehen und verbessern können, gibt es einen speziellen Code: Der Trainer sagt mithilfe von Zahlen an, wohin der Ball geflogen ist: So steht „Eins“ für den linken Spielfeldrand, „Vier“ für die Mitte und „Sieben“ für den rechten Rand.

Zwei Verteidiger werfen sich vor ihren Matten zu Boden. Der prallt vom Oberschenkel eines Spielers ab. Im Hintergrund das angreifende Team.
In der Verteidigung ist voller Körpereinsatz gefragt. (Foto: Georg Helf)

Die abwehrende Mannschaft erwartet den Angriff auf allen Vieren, möglichst schon schräg oder quer positioniert. Trotz seiner Füllung ist der Ball schwer zu hören. Durch das Leder dringt eher ein Rascheln als ein Klingeln. Wer die Kugel auf sich zukommen hört, versucht sie abzublocken. Dazu wirft man sich parallel zum Tor auf die Seite und streckt Arme und Beine möglichst weit aus. Weil das manchmal unangenehm werden kann, tragen die Spieler Ellenbogenschoner, die Männer außerdem einen Tiefschutz. Die Torballer müssen stets hochkonzentriert sein und kommen so auch bei einem kleinen Bewegungsradius ordentlich ins Schwitzen.

Entfaltung und Motivation

Wenn Hans Demmelhuber gefragt wird, was für ihn den Reiz am Torball ausmacht, muss er nicht lange überlegen: „Beim Torball kann ich mich auch als Blinder völlig frei entfalten. Ich bin nicht darauf angewiesen, dass mir ein Sehender ständig sagt, wo ich hinlaufen muss.“ Torball macht Neulingen außerdem den Einstieg leicht: Hier können auch Anfänger schnell Erfolgserlebnisse feiern. Ein Vorteil dieses Sports gerade für Feierabendsportler wird vor allem im Vergleich mit dem aufwändigen Goalball klar: Für ein Torballspiel muss man wenig vorbereiten, es benötigt nicht viel Zeit – ein schnelles Spielchen ist also kein Problem.

Irmina Reithmair begeistert sich als Sehende aus einem ganz anderen Grund für dieses Hobby: „Schon seit ich klein war, habe ich immer viel Sport getrieben. Ich habe schon alle möglichen Sportarten ausprobiert und mich immer sehr schnell sehr leicht getan. Das ist hier anders, hier muss ich richtig kämpfen. Das Gehör der Blinden ist besser geschult als meines, darum höre ich den Ball viel schlechter – eine große Herausforderung.“


Torball – Zahlen und Regeln

 

  • Spielfeldgröße: 16 m x 7 m
  • Gewicht des Balles: 500 g
  • Torhöhe: 30 cm
  • Leinenhöhe: 40 cm
  • Abstand zwischen den Leinen: je 2 m
  • Spieldauer: 2 x 5 Minuten
  • Nach Leinenberührung: Spieler fehlt beim Gegenangriff („Strafwurf“)
  • Nach 3 Berührungen: „Penalty“ mit nur einem Abwehrspieler

 

Impressionen vom Torball-Training:

 

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