Mehrsprachigkeit – ein Kinderspiel!

Wie gelingt mehrsprachige Erziehung? Seit 2012 betreibt die Brasilianerin Andréa Menescal Heath das Vorleseprojekt ›Mala de Herança‹. Im Gepäck hat sie eine große Auswahl an Kinder- und Jugendbüchern. Bei den Veranstaltungen möchte sie bei Kindern die Freude wecken, in ihrer Muttersprache zu sprechen, zu schreiben und zu lesen. Identifikation ist für sie der Schlüssel zum Erfolg. Ein Interview von Anna Falkenberg

Logo ›Mala de Herança‹

Frau Menescal Heath, welche Idee steckt hinter dem Projekt ›Mala de Herança‹?
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Vermittlung von Sprache. Es gibt viele Vorleseprojekte, ich wollte aber mehr. Mir ging es darum, brasilianische Familien dabei zu unterstützen, ihre Muttersprache im Ausland an ihre Kinder weiterzugeben. Die Bücher wähle ich immer sehr gut aus, achte auf Vokabular und Wortspiele. Das Wort ›Herança‹ bedeutet übrigens ›Erbe‹. Die Eltern geben einen Teil von sich und ihrer Kultur an die Kinder weiter.

Die Kinder sind von eineinhalb bis zwölf Jahre alt. Wie wecken Sie ihre Aufmerksamkeit?
Ja, das ist immer wieder eine Herausforderung, alle zusammenzubringen. Es soll sich ja niemand langweilen! Wenn ich meinen Koffer öffne, sehen die Kinder als Erstes die brasilianische Fahne in ihren leuchtenden Farben. Sie kennen sie von zu Hause und sind begeistert. Ich erzähle den Kindern mehr zum Thema des Tages, zu Kultur und Geschichte Brasiliens. Ganz wichtig ist immer die Musik.

Sich neue Welten durch Bücher zu erschließen, macht Spaß – und dabei spielerisch die Sprache der Eltern zu lernen auch!

Was bewirken Ihre Vorlese-Veranstaltungen bei den Kindern?
Die Bücher öffnen Räume für Gespräche. Mir geht es darum, dass die Kinder sich trauen zu sprechen. Oft finden es die Kinder gar nicht gut, dass in ihrer Familie eine andere Sprache gesprochen wird. Bei unseren Treffen sehen sie, dass es noch andere gibt, denen es ganz genauso geht wie ihnen. Ich kann richtig sehen, wie die Kinder immer selbstbewusster mit der Kultur der Eltern umgehen.

Bücherkoffer mit Kinder- und Jugendbüchern (Foto: Anna Falkenberg)

Vorlesen können die Eltern doch auch zu Hause. Warum kommen sie zu Ihnen?
Ich bringe den Familien ein wenig Heimat, also Brasilien nach Hause. Die Eltern identifizieren sich mit den Themen. Sie freuen sich über die Geschichten und die Musik, die sie aus ihrer Kindheit kennen. Jetzt möchten sie das auch an ihre Kinder weitergeben. Ich gebe ihnen zugleich eine Orientierungshilfe, wie sie auch zu Hause spielerisch ihre Sprache und damit auch ihre Kultur vermitteln können. Zu Hause kommen sie vielleicht selbst gar nicht darauf. Und abgesehen davon: Die Veranstaltungen sind eine tolle Gelegenheit, sich zu treffen und auszutauschen.

Sie sind Brasilianerin, Ihr Mann ist Deutscher – war die zweisprachige Erziehung bei Ihnen von Anfang an ein Thema?
Ja. Kurz vor der Geburt unseres Sohnes im Jahr 2006 besuchten wir einen Vortrag über bilinguale Erziehung. Seitdem beschäftige ich mich intensiv damit, wie Vorlesen die Mehrsprachigkeit fördert.

Hat sich das Leseprojekt im Laufe der Jahre entwickelt oder ist es beim Anfangskonzept geblieben?
Aus dem ursprünglichen Leseprojekt ist so viel mehr geworden. Am Anfang stand ein kleiner Koffer gefüllt mit bunten Kinderbüchern in einem Raum in München. Heute sind wir weit über die Grenzen der Landeshauptstadt hinaus bekannt. Es gibt ›Mala de Herança‹ in Österreich, Spanien und Irland. Andere Länder werden noch folgen. Seit 2013 arbeite ich zudem eng mit dem Institut für Mehrsprachigkeit (IFM) an der Universität München zusammen. Dort halte ich mit meinen Kollegen Workshops über bilinguale Erziehung und berate Familien.

Was sind Ihre Pläne?
Ich habe noch viel vor (lacht). Ich bin bundesweit sehr gut vernetzt. Mit anderen Einrichtungen zusammen laden wir Schriftsteller, Künstler und Musiker nach München ein, sind bei Theaterkooperationen dabei, halten Vorträge und bieten Workshops an. Brasilianische Autoren und Künstler, die in Europa unterwegs sind, machen gerne Stopp in München, um ihre Projekte vorzustellen. Außerdem setze ich mich mit anderen Institutionen für den muttersprachlichen Unterricht an bayerischen Schulen ein.


Zur Person:
Andréa Menescal Heath wurde in Brasília/Brasilien geboren. Sie studierte Internationale Beziehungen an der Universidade de Brasília und Soziologie an der Universität Bielefeld. Seit mehr als einem Jahrzehnt beschäftigt sie sich mit dem Thema Mehrsprachigkeit bei Kindern. Als Referentin an der Internationalen Forschungsstelle für Mehrsprachigkeit (IFM) der Ludwig-Maximilians-Universität München berät sie Familien. Sie engagiert sich über die ›Mala de Herança‹ hinaus für weitere Projekte, die sich mit dem Portugiesischen als Erbsprache beschäftigen. Weitere Informationen zur Arbeit von Andréa Menescal Heath: http://www.sueddeutsche.de/wissen/bilingualitaet-polyglott-plaudern-1.3008278 (Süddeutsche Zeitung vom 27.05.2016) und http://www.ifm.daf.uni-muenchen.de/personen/referentinnen/andrea_menescal/index.html.

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