Grüne Nadeln im Heuhaufen

München – da denken Nicht-Einheimische an dicke Autos, Dirndl, Hofbräuhaus und CSU. Das soll’s gewesen sein? Eine Gruppe junger Autoren hat zwischen Kommerz und Konservatismus Fleckchen alternativen Lebens aufgespürt – und einen Stadtführer geschrieben. Das Verlagshaus: eine private Gartenlaube. Adalbert Zehnder hat einen der Macher interviewt.

Florian Sperk (32) war Mit-Initiator einer 40.000-Leute-Demo nach der Atomkatastrophe von Fukushima und des Bürgerentscheids, der Olympia 2022 in Oberbayern mit Erfolg verhindert hat. Er ist Unternehmensberater für Start-up-Firmen und Herausgeber des Stadtführers „Alternativ unterwegs in München“. Mit zehn anderen Autoren, meist Studenten, hat er in seiner Gartenlaube das Buch produziert: mit Stadtviertelstreifzügen, Einkaufstipps oder Anlaufstellen für gesellschaftliches Engagement.

Die Gartenlaube, wo der Stadtführer entstanden ist, liegt in der "Maikäfersiedlung" im Stadtteil Berg am Laim, einer verwunschenen Reihenhausanlage aus den 1930ern. (Foto: Adalbert Zehnder)
Die Gartenlaube, wo der Stadtführer entstanden ist, liegt in der „Maikäfersiedlung“ im Stadtteil Berg am Laim, einer verwunschenen Reihenhausanlage aus den 1930ern. (Foto: Adalbert Zehnder)

BMW-Turm, Hofbräuhaus, FC Bayern und Horror-Mietpreise: Wie und wo haben Sie in München „alternative“ Orte finden können?
Im kollektiven Bewusstsein hat München einen schlechten Ruf. Aber wir haben zwei Jahre recherchiert und festgestellt: Es gibt viele gute Einrichtungen, schöne Orte, brauchbare Flecken – vom Antifa-Referat an der Uni über ein Back-Kollektiv und lokale Bauernmärkte bis zur Kleidertauschparty.

Genug für einen Stadtführer?
Ja. Das Problem in München ist nur: Diese Orte liegen wild über die Stadt verstreut. Viele würde man von selbst nie finden. Leute, die progressiver sind, die ökologisch denken, brauchen deshalb eine Orientierungshilfe.

Was waren die Auswahlkriterien?
Klein, inhabergeführt, mit ökosozialem Anspruch.

Damit füllen Sie nicht 336 Seiten.
Stimmt. Manche aus der alternativen Szene neigen manchmal dazu, etwas dogmatisch und mit sich und anderen streng zu sein („vegan muss es mindestens sein“). Damit schneidet man sich aber viele Möglichkeiten ab. Wir waren da ein bisschen liberaler.

Wie – „liberaler“?
Man kann darüber streiten, ob man einen Second-Hand-Laden mit reinnimmt. Bio ist er schließlich nicht. Aber second hand zu kaufen, hat unmittelbar eine ökologische Auswirkung.

Die Finanzierung lief vor allem über Crowd Funding.

Hinter dem Stadtführer steht kein Verlag, sondern die dafür gegründete „Unternehmergemeinschaft Gartenlaube“, eine Kleinst-GmbH. Wie haben Sie das Projekt finanziert?
Per Crowd Funding. Über Presse und soziale Medien haben wir Vorbestellungen gesammelt. Erst als wir 1.000 zusammen hatten, ging die Erstauflage in Druck, 3.000 Exemplare. Vier Wochen nach Erscheinen hatten wir die Herstellungskosten drin.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie ihr nächstes Projekt schon in der Pipeline haben. Worum geht’s diesmal?
Im Frühsommer 2017 soll die zweite Auflage des Stadtführers erscheinen. Hier aktualisieren wir gerade. Und noch vor Weihnachten bringen wir ein Malbuch für Erwachsene heraus, zur Entschleunigung. Darin können sie sich München bunt malen: die Skyline, den König Ludwig und die heilige Munditia.

Die heilige Munditia?
Das ist die Schutzheilige der alleinstehenden Frauen. Ihre Reliquie liegt in der Kirche unter dem Turm des Alten Peter. Wir haben sie ausgesucht – einfach, weil wir sie obskur finden.


Hier kann man den alternativen Stadtführer kaufen

Der Stadtführer „Alternativ Unterwegs in München“  (Repro: Adalbert Zehnder)

„Alternativ Unterwegs in München“ ist laut Verlag der erste alternative und ökologische Stadtführer für die bayerische Landeshauptstadt. Die elfköpfige ehrenamtliche Redaktion präsentiert in ihm ökologische, soziale und kuriose Seiten Münchens. Er ist 336 Seiten stark  und gliedert sich in sieben inhaltliche Kategorien: Einkaufen, Ausgehen, Dienstleistungen, Bildung, Engagement, öffentliche Räume, zum Stöbern. Bezugspreis: 15 Euro. Er kann direkt beim Verlag bestellt werden, ist aber auch in Buchhandlungen sowie in Läden oder Lokalen mit ökologischem Anspruch erhältlich wie der „Plastikfreien Zone“. Näheres unter: www.alternativ-unterwegs.de.

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