Eine Reportage von Claudia Kreißl
Eine Amsel zwitschert im Hinterhof des Münchner Mehrfamilienhauses. Neben ihr wehen bunte tibetische Gebetsflaggen im lauen Abendwind. Das große Glastor des Buddhistischen Zentrums ist noch verschlossen. Doch wo sind sie – die Buddhisten?
Plötzlich ruft eine freundliche Stimme von oben: „Willst du zu uns?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, fährt der Mann auf der Fensterbank fort. „Geh doch schon mal hier unten durch die weiße Tür. Dort gibt es gleich etwas zu essen und ein paar nette Mädels sind auch schon da. Ich bin übrigens Boris.“
Das Willkommensessen
Die weiße Tür befindet sich in einem dunklen Treppenhaus. Hinter ihr sind Stimmen und portugiesische Musik zu hören. Bereits von der Straße aus konnte man durch die Schreiben das abendliche Treiben im warmen Licht des Gesellschaftsraumes beobachten. Zwei „nette Mädels“ öffnen die Tür. Sie führt direkt in die Küche. Es duftet nach Gemüse und Tomatensoße. Nach einer herzlichen Willkommensumarmung verteilen sie das Geschirr und stellen zwei volle Töpfe in die Runde. „Bedient euch einfach. Zwei andere Soßen kommen noch.“ Noch bevor man sich versieht, sitzen alle am liebevoll dekorierten Tisch. Ein, offenbar hier dazugehöriger, Mann schaut in die verwirrten Gesichter der Neuankömmlinge und sagt schmunzelnd: „Tja - auch Buddhisten essen.“
Die Interview-Runde
Er heißt Jürgen Segerer und ist Pressesprecher des des gemeinnützigen Regionalvereins 'Buddhistische Zentren Bayern der Karma Kagyü Linie e.V.'. Er erklärt, dass das Münchner Zentrum 1974 von Lama Ole Nydahl als erste deutsche Einrichtung gegründet wurde. Stolz berichtet der 37-Jährige, dass dem Verein über 230 Mitglieder angehören und immer mehr Interessierte hinzukommen. Gestärkt vom abendlichen Mahl führt er die Runde durch das Glastor ins Meditationsgebäude. Er zieht seine Schuhe aus. Die anderen folgen seinem Beispiel. An den Wänden des hellen Saals hängen Buddha-Bilder und Fotos von buddhistischen Lehrern, welche man auch Lamas nennt. Er wirft rote runde Sitzkissen auf den Boden. Ein weiterer Mann nimmt Platz und stellt sich vor. Sein Name ist Manfred Kessler. Der 39-Jährige gehört der Gruppe bereits seit über 17 Jahren an und informiert als buddhistischer Reiselehrer Interessierte in der ganzen Welt. Heute steht er zum Thema „Die Illusion des Ichs“ Rede und Antwort. Klar und ruhig erklärt er anschaulich grundlegende buddhistischen Glaubenssätze – die Gedanken Buddhas. Leises Vogelgezwitscher leitet das Ende der Diskussionsrunde ein. Die Meditationsteilnehmer schauen bereits neugierig durch die Scheibe und warten auf Einlass. Jeder ist allabendlich zur gemeinsamen Besinnung willkommen.
Die Meditation
Zwanzig lachende und offenbar freundliche Menschen lassen sich auf dem Boden nieder. Ein Herr im Anzug zieht sein Jackett aus und kniet sich nieder. Neben ihm schiebt ein Mann mit Dreadlocks sein Kissen hin und her, bis er bequem sitzend seine Augen schießt. Die ältere Dame hinter ihm flüstert: „Ich bin extra aus Indien angereist.“ Andere halten klimpernde Perlenketten in ihren Händen. Vorn sitzt eine Frau im Schneidersitz vor einem kleinen hölzernen Tisch und leitet die Meditation ein.
Mit einer angenehm sanften Stimme hält sie einen zehnminütigen Vortrag über die Lehre Buddhas. Sie erinnert daran, dass jede Handlung eine Ursache hat und eine Wirkung herbeiführt. Alle sollen nun versuchen, alte Probleme loszulassen und im Hier und Jetzt zu sein. Sie beschreibt eine Buddhafigur mit einem goldenen strahlendem Gesicht und einer schwarzen Krone. In ihrer Verbildlichung sendet die Figur weiße, rote und blaue Strahlen aus, um Kraft zu spenden. Die Gruppe stimmt zum Mantra ein. Ein dunkles „Ooooommmmm“ lässt den Raum vibrieren. Ihm schließt sich ein Murmeln mit Gesängen an. Kopien eines tibetischen Liedtextes und einer Buddha-Zeichnung werden herumgereicht. Den Anfängern fällt es schwer, dem Text mit den vielen Ös und Üs zu folgen. Andere können ihn bereits auswendig. Es klingt wie ein wunderschönes Lied aus einer anderen Welt. Alle atmen noch einmal tief durch und wirken nun gelöst und konzentriert.
– Stille –
Am Ausgang ist es schwer, zwischen all den Schuhen seine eigenen wieder zu finden. Die Nacht ist klar und kühl. Schritte entfernen sich. Mit ihnen geht auch das Pfeifen einer Melodie, die eben noch den Raum erfüllt hatte.
Weiterführende Informationen:
Das Interview mit Manfred Kessler zum Thema Die Illusion des Ichs
Offizieller Link des Buddhistischen Zentrums München
Informationen über Lama Ole Nydahl
Hintergrundwissen zum Thema-Buddhismus
aktuelle Informationen für Lehrer und Schüler für den Unterricht zum Thema Buddhismus
Veranstaltungen in München:
Programm für München
Buddhismus- und Wissenschafts-Symposium

