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Dossier des Kurses Onlinejournalismus 23

Ein Jahr München mit oder ohne Rückflugticket?

Für ein Jahr wird München für Au-Pairs zu einer neuen Heimat - manchmal auch für länger

von Davina Spohn

Als Au-pair in München zu sein, ist für viele junge Frauen aus dem Ausland ein lang ersehnter Traum, der in Erfüllung geht. Manchmal kann er auch zum Alptraum werden. Im Internationalen Jugendclub »Club In« treffen beide Welten aufeinander.

Im ClubIn haben die Au-Pairs viel zu erzählen und  zu lachen. Foto: Davina Spohn

Im ClubIn haben die Au-Pairs viel zu erzählen und
 zu lachen. Foto: Davina Spohn
 

Selbstvergessen dreht sie den Steinring in ihren Händen. Er ist ein Geschenk ihrer Mutter. Damit die 22-jährige Jana Tatjan sie in der Ferne nie vergisst. Damit sie weiß, dass sie als Au-pair in München nie allein sein wird. Jana kommt aus Georgien und ist seit sechs Monaten in der bayrischen Landeshauptstadt. Ein typisches Bild über den deutschen Menschenschlag hatte sie nicht, als der Bus sie und ihren Koffer nach Deutschland fuhr. Ihre braunen Locken stehen lustig vom Kopf ab, ihre Worte aber klingen ernst: »Wenn Du schon vorher eine Meinung von etwas hast, nimmst Du die Realität nicht mehr wahr«, weiß Jana, »und die ist schöner als jede Vorahnung. Zumindest wenn man an München denkt«.

Au-Pair-Jahr als Studiumsticket

Die Musik aus den Lautsprecherboxen im Internationalen Jugendclub »Club In« – dem wöchentlichen Treffpunkt für Au-pairs in München – vermischt sich mit dem fröhlichen Lachen aus dem Nebenraum. Vier junge Frauen fordern dort an einem Fußballkicker ihr Glück heraus. Ob sie auch mit ihrer Entscheidung, als Au-pair nach Deutschland zu kommen, Glück hatten? Jana hatte es. Ihre Erwartungen an Deutschland als ein Land, das sie beruflich weiterbringt, haben sich erfüllt. Inzwischen spricht sie fließend Deutsch. Studiert hat sie in Georgien Fremdsprachen. An ihr Au-pair-Jahr möchte sie ein Philosophie-Studium in München anschließen. »In Georgien bekommt man schwer ein Visum. Als Au-Pair funktioniert das reibungslos«, sagt Jana. Das Au-pair-Jahr sei sozusagen der erste Schritt, wolle man in Deutschland studieren. »Und es ist auch ein sehr guter!«, ruft Tanja Syvenko aus Russland dazwischen. »Als Au-pair in einer deutschen Familie lernt man die deutsche Mentalität kennen, kann sich hier besser eingewöhnen«, so die 23-jährige Ukrainerin.

Das Internet ist für die Mädchen oft die einzige Möglichkeit, den Kontakt nach Hause zu halten. Foto: Davina Spohn

Das Internet ist für die Mädchen oft die einzige
 Möglichkeit, den Kontakt nach Hause zu halten.
 Foto: Davina Spohn
 

Doch wie sieht die Mentalität der Deutschen genau aus? Tanja überlegt kurz und lacht. »Ich dachte, wir in der Ukraine feiern viel, aber hier in München feiern sie nahezu jeden Tag«. Deutschland ist für Tanja Liebe auf den ersten Blick. »Und auf den zweiten?« hakt ihre Freundin Natalia Ponomarera (22) aus Russland nach. Deren Meinung über die Deutschen ist weitaus kritischer: »Sie lachen einem direkt in die Augen und hinter dem Rücken reden sie schlecht über dich«, so die Russin. Jana und Tanja dagegen bleiben bei den Attributen »höflich«, »entgegenkommend« und »ordentlich«, wenn sie die Deutschen vor Augen haben.
 
 Mit ihrem beabsichtigten Studium in Deutschland haben sich Jana, Tanja und Natalia hohe Ziele gesteckt. Dennoch bleibt ihre Zukunft in München trotz aller Zielstrebigkeit ungewiss. Wie finanzieren sie dieses Studium, wenn sie nicht mehr die monatlichen 260 Euro als Au-Pair von ihren Gastfamilien bekommen? Stipendien gibt es nicht. »Ich hoffe, dass mich jemand finanziell unterstützt«, so Natalia. Sollte das nicht klappen, wird sie wieder zurück nach Russland gehen. Eine Stelle bei einem Moskauer Hörfunksender sei ihr sicher, sagt sie - eine gute Alternative zu dem Studium in Deutschland.
 

Kleiner Schritt in den Mädchenhandel

Die junge Frau mit den wachsamen Augen dagegen, die am Bartresen sitzt, hat keine. Zumindest nicht in Deutschland. Dinara Saubekova (25) aus Kasachstan ist bereits seit elf Monaten hier. Das Ticket für den Rückflug hat sie bereits. »Ich möchte hier nicht studieren. Und so bleibt mir nach dem Au-pair-Jahr keine Möglichkeit meine Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern«, erklärt Dinara ihre Situation. Orinta Rötting hinter der Theke stimmt ihr zu. Sie ist eine der beiden hauptamtlich Tätigen, die im »Club In« den Au-pairs mit Rat und Hilfe zur Seite stehen. »Als Bürgerinnen eines Nicht-EU-Landes bekommen sie hier keine Arbeitserlaubnis«, weiß Ori, wie sie die Frauen freundschaftlich nennen. »Jeder Cent wird dann wichtig. Der Schritt in den Mädchenhandel ist dann leider nur ein kleiner«, so die Sozialpädagogin, »für viele Au-pairs der Beginn eines Alptraums«.

Klischees ohne doppelten Boden

Das Klischee über das Au-pair als leichtes Mädchen, das als Putzfrau oder gar Mutterersatz arbeitet, ist nach Rötting falsch. »Die jungen Frauen, die hier her kommen, haben klare Ziele. Sie wollen ihre Fremdsprachenkenntnisse verbessern, wollen hier Qualifikationen erlangen, die bei der Arbeitssuche in ihrem Land von Vorteil sein können«, so Rötting. Vielleicht kann das Münchner ClubIn mit den beiden Sozialpädagoginnen dabei helfen. Oder auch ein kleiner steinerner Ring… .

Weitere Informationen unter Internationaler Jugendclub Club In, Friedrich-Loy-Straße 16, 80796 München.