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Illustration zum Artikel Nr. 2317
Übergang

Klangbilder im Zeitraffer

Acht Künstler, vier Tage, zwei Performances – und viel Mut. Vom 20. bis 24. September fand das 11. CAMP-Festival für „visuelle Musik“ in der Karlsruher Hochschule für Gestaltung mit deutschen und kroatischen Künstlern statt.

HfG Karlsruhe  Foto: Carmen Peter

HfG Karlsruhe
 Foto: Carmen Peter
 

Der Mittwoch ist grün. Denn an der Hochschule für Gestaltung (HfG) beginnt die Kunst schon beim Frühstück. Auf der langen festlichen Tafel der beiden studentischen Catering-Helferinnen weicht jedenfalls nur das Nötigste vom farblichen Leitmotiv ab.
 Nach und nach trudeln die Künstler ein und bedauern, bei Helligkeit nicht richtig proben zu können. Ein Blick nach oben zeigt warum. Durch die Glasdecke der alten Fabrikhalle strahlt die Septembersonne auf das Vollkornbrot.
 
 Es ist der erste offizielle Probentag des 11. CAMP-Festivals für visuelle Musik, das 1999 von einem Künstlerkollektiv um den Tübinger E-Gitarristen Thomas Maos begründet wurde. Während das anfängliche Kollektiv sich rasch dezimierte, blieben Maos und der Cellist und Universitätsprofessor Friedemann Dähn dabei. 2005 riefen sie zusammen mit Martin Mangold und Stefan Hartmeier den Verein „Creative Arts and Music Project“ (CAMP) ins Leben und veranstalten seitdem jedes Jahr etwas, das sie gerne als Laboratorium bezeichnen. Innerhalb einer knappen Woche erarbeiten verschiedene Klang-, Bild- und Lichtkünstler zwei Performances, die abschließend vor Publikum aufgeführt werden. Begleitet wird das Festival von Podiumsdiskussionen und Workshops, die den gleichzeitigen Bildungscharakter des Festivals herausstreichen.
 

Musik ist Erkenntnis

„Musik ist Erkenntnis“ Foto: Carmen Peter

„Musik ist Erkenntnis“
 Foto: Carmen Peter
 

Unterstützt vom Karlsruher Zentrum für mediale Kunst (ZKM) hat der ehemalige FAZ-Kulturkritiker und wissenschaftliche Mitarbeiter der HfG, Dr. Achim Heidenreich, das CAMP-Festival nach Karlsruhe geholt. Die Aufführungen an der Hfg bilden den zweiten Teil und gleichzeitig den Abschluss des Anfang des Jahres in Zagreb begonnenen Festivals. Ein Großteil der Künstler ist auch in Karlsruhe wieder mit dabei und schart sich am anderen Ende des Tisches gerade um ein Notebook.
 
 Das von Heidenreich gegründete „Musiktheater Intégrale“, von dem das Festival organisiert wird, ist ein Bereich der HfG, der versucht, sich durch Vorlesungen und Veranstaltungen dem zu nähern, was Heidenreich als Skulpturalität der Musik bezeichnet. Denn Heidenreich sieht Musik vor allem in einem philosophischen Licht. Im besten Fall soll sie Erkenntnis bringen, über einen selbst, aber auch den soziokulturellen Kontext, in der sie entsteht. Daher rührt auch seine Affinität zur experimentellen Kunst. Denn Heidenreichs Auffassung nach ergibt sich die Einsicht aus dem unwiederbringlichen Augenblick des Experiments.
 

Eine gewisse Selbstaufopferung gehört dazu

Thomas Maos Foto: Carmen Peter

Thomas Maos
 Foto: Carmen Peter
 

Was als Plattform für den kreativen Austausch zwischen Künstlern in Tübingen begann, ist dank des unerschütterlichen Idealismus der CAMP-Organisatoren inzwischen zur festen Größe im Bereich experimenteller Kunst avanciert. Ein Begriff, den die Macher selbst sicher ablehnen würden; klingt er doch verdächtig nach kreativer Sklerose. Etwas, dem sie durch wechselnde Veranstaltungsorte und Teilnehmer entgegenzuwirken suchen. Es bedarf außerdem viel freiwilligen Engagements und sogar einer „guten Portion Selbstaufopferung“, wie Maos einräumt, um eine kommerzielle Ausrichtung zu verhindern. Denn die Aufführungen sind bisher kostenlos.
 
 Stand zu Beginn noch die Musik im Vordergrund, sind Bild und Klang inzwischen gleichwertige Teile eines Ganzen. Längst hat das Festival in dieser Form mit Einladungen nach Kroatien und Portugal auch geographische Grenzen überschritten. „Wir glauben, dass wir anderen etwas zu bieten haben“, betont Maos. „Wir kommen dahin, wohin man uns einlädt.“ Die Künstler ergeben sich überwiegend durch Kontakte. „Manche bewerben sich aber auch“, ergänzt Maos und lächelt vielsagend. Dann müssten sie ihnen das Konzept erst einmal erklären. „Von den meisten hören wir danach nie wieder was.“
 

Ton-Slideshow, 11. CAMP-Festival, Klänge: CAMP-Teilnehmer

Es funktioniert eben

Friedemann Dähn Foto: Carmen Peter

Friedemann Dähn
 Foto: Carmen Peter
 

Inzwischen ist Mitorganisator Friedemann Dähn von einem Interviewtermin zurückgekehrt und begrüßt alle freundlich. An ihrer integrativen Art merkt man den Organisatoren die jahrelange Arbeit mit internationalen Künstlern an. Wie der gestrige Ankunftstag gelaufen sei. „Gut“, erklärt der erstaunlich entspannte Dähn lakonisch. „Die Projektoren haben gefehlt, und einige der Künstler sind auf der Autobahn stecken geblieben. Das übliche eben.“
 
 Die äußere Gegensätzlichkeit zwischen Dähn und Maos sticht sofort ins Auge. Es ist, als säße man zwischen Jeremy Irons und Jimmy Hendrix. Wie hält man es bei all der Unterschiedlichkeit so viele Jahre miteinander aus? Darüber hätten sie noch nie nachgedacht; es funktioniere eben. „Wir sind gar nicht so verschieden; bisher gab’s jedenfalls noch nie wirklich Streit.“
 

Das Anstrengendste sind die Wartezeiten

Überhaupt gehört eine Menge Unerschrockenheit zu einem Projekt, bei dem sich eine Handvoll Individualisten zusammenfinden, die gewohnte Strukturen vor der Tür lassen müssen, um in einem kurzen intensiven Prozess des Zusammenlebens, Streitens, Scheiterns und Neuanfangs im Zeitraffer etwas über sich und andere dazuzulernen. Selbst der Raum gleicht mit all seinen Möglichkeiten und Begrenzungen einem eigenständigen Wesen, das in die Arbeit miteinbezogen werden will.
 
 In den immer noch sonnenbeschienenen Lichthöfen stehen scheinbar wahllos Tische mit Computern und Mischpulte herum, gesäumt von Instrumenten, Bildschirmwänden und Lichtanlagen. Die Anatomie eines Festivals.
 Scheinbar unendlich langsam bewegen sich die Teilnehmer durch den Raum. Einige drehen an Reglern, vereinzelt testet jemand fast lautlos ein Instrument. Mal hört man einen statischen Ton. Noch erscheint alles völlig zusammenhanglos, und es bleibt rätselhaft, wie dieses vermeintliche Stückwerk in zwei Tagen schon etwas Stimmiges ergeben soll.
 

Anatomie eines Festivals Foto: Carmen Peter

Anatomie eines Festivals
 Foto: Carmen Peter
 

Es ist eine Herausforderung; ebenso spannend wie anstrengend. Und manchmal auch einfach nur zermürbend langweilig. „Das Anstrengendste sind die Wartezeiten zwischendrin, wenn man nichts tun kann“, sagt CAMP-Teilnehmerin Karolina Serafin, Szenographiestudentin der HfG. Die Verbindung von Klang und Bild hingegen empfindet offenbar niemand als besondere Hürde. Dazu seien beide Medien zu verschieden, findet Klangkünstler Axel Hanfreich. „Mir fällt es schwerer, mit einem anderen Musiker zusammenzuarbeiten und einen gemeinsamen Nenner zu finden.“ Auch kulturelle Unverträglichkeiten kann niemand feststellen.
 
 „Gibt es eigentlich auch Kombinationen, die gar nicht funktionieren?“ „Ständig“, meint Dähn. „Manchmal fragt man sich schon, warum das alles immer so mühsam sein muss; aber wenn dann die Performance toll war und alles gut lief, begeistert einen das so sehr, dass man weitermacht.“ Anders als für Heidenreich ist für Dähn Musik in erster Linie Energie. „Manchmal trifft sie mich wellenartig.“ Und er würde sich wünschen, dass das Publikum die Energie dieser gesamten Woche wahrnimmt.
 

Bild und Klang laden sich elektrisch auf

Zwei Tage später. In den mittlerweile dunklen Lichthöfen der HfG beginnt die erste Performance vor einigen Interessierten.
 
 Nach wenigen Augenblicken setzt ein Strudel an Eindrücken ein, der an Geschwindigkeit zunimmt und im völligen Widerspruch zum iterativen Entstehungsprozess zu stehen scheint. Bild und Klang laden sich elektrisch auf und breiten sich druckvoll unter den Umstehenden aus; manchmal archaisch, manchmal maschinell, manchmal fast federleicht. Aber nie beliebig. Mit jedem Stück nimmt die Dichte zu, vielleicht, weil man sich als Publikum immer weniger entziehen kann. Das kurze Zusammentreffen der Künstler scheint sich auf einen Punkt zu ballen. Absicht und Zufall verschwimmen.
 
 Als eine Stunde später die Klänge schließlich von der Stille und die Bilder von der Dunkelheit verschluckt werden, hallt die gewaltige Spannung des gemeinsamen Schaffens in der Atmosphäre nach. Vielleicht führt sie im besten Fall, wie Heidenreich meinte, tatsächlich zu Erkenntnis, bevor sie sich wieder lautlos auflöst, um Raum für neue Erkenntnis zu schaffen.
 
 Am letzten Tag ist das Frühstück übrigens schwarz-weiß. Wie alles, was dieses Festival letztlich zum Ausdruck bringt. „Ich hab’ noch schwarzen Senf“, wirft Musiker Hanfreich ein, „den könnte ich mitbringen“.
 
 In der Tat, die Kunst beginnt beim Frühstück; denn letztlich entsteht sie aus dem Menschsein selbst.
 

Performance, Licht- und Videoinstallationen Foto: Carmen Peter

Performance, Licht- und Videoinstallationen
 Foto: Carmen Peter