Blutiges Heilverfahren im Abseits
Von Timo Buschkämper
Mit der sogenannten Fliete, einem kleinen Messer, schnitt man die Blutader schräg oder in Längsrichtung an. Zumeist in der Ellenbeuge oder an der Kopfader wurde dem Patienten sein Blut entnommen. Neben der reinigenden Wirkung und dem Druckabbau diente der Aderlass vor allem der Stärkung des Immunsystems. Man ging davon aus, dass der durch den Blutentzug entstandene „leere Raum“ sich mit körpereigener Gewebsflüssigkeit auffüllte und sich dadurch die Zusammensetzung des Blutes veränderte. Damals hoffte man durch das Verfahren eine Vermehrung der weißen Blutkörperchen und eine Optimierung des Blutflusses anregen zu können.
Die „Entlassung des Blutes“ ist eine der ältesten medizinischen Behandlungsformen überhaupt. Bereits in der Antike empfahl Hippokrates von Kos dessen Anwendung bei Entzündungen und Schmerzempfinden. Auch der griechische Arzt Galenos von Pergamon war rund 500 Jahre später noch von dem Verfahren überzeugt. Er bezeichnete das Blut als den „dominanten Saft“ im menschlichen Körper und entwickelte ein System, welches die Menge des zu entnehmenden Blutes vom Patientenalter, dem körperlichen Zustand sowie der astronomischen Konstellation ableitete. Man ging davon aus, dass der Aderlass nur in den ersten sechs Tagen bei abnehmendem Mond seine volle Heilwirkung entfalten konnte, weil das Blut während anderer Mondphasen angeblich stärker durchmischt war und dies die Trennung fauliger von reinen Blutinhalten erschwerte.

Stadtarchiv Fürstenfeldbruck
Im Mittelalter führten Ärzte eine Vielzahl von Krankheiten auf eine Störung des Gleichgewichtes der vier Kardinalssäfte zurück, wie die Autorin Maike Vogt-Lüerssen in ihrem Buch „Der Alltag im Mittelalter“ belegt. Gemeint waren Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Auch deshalb gehörte der Aderlass in dieser Zeit zur gängigen, medizinischen Praxis. Neben ihren philosophisch-theologischen Studien widmete sich Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert auch der Medizin. Auf Grundlage der Lehren der antiken Gelehrten wurde sie bald eine der prominentesten Verfechterin der Blutentlassung. Sie beschrieb den Aderlass als Teil ihrer Lebenskunst. Bis heute wird von Bingen von der römisch-katholischen Kirche als Heilige verehrt. Doch die Methode wurde inflationär oft und häufig falsch genutzt – und darum immer seltener.
Nachdem der englische Arzt William Harvey und dessen französischer Kollege Pierre Charles Alexandre Louis nacheinander den generellen Sinn der Blutentlassung beweisträchtig widerlegten, spielte der Aderlass in den Industrienationen nur noch eine untergeordnete Rolle. Er findet dort heute einzig in einigen Naturheilverfahren noch seine Anwendung.
In den Slums von Sao Paulo, Bombay oder Lagos sitzen viele junge Männer zweimal die Woche an Schläuchen und lassen sich ihr Blut abzapfen. Sie tun das nicht, weil sie krank sind, sondern werden dafür bezahlt. Diese moderne Form des Aderlasses stellt oftmals eine der wenigen Einkommensquellen dieser Menschen dar, wie der Journalist Bernd Müllender in einem Artikel für die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtet. Als kommerzielle Spender von Blutplasma bekommen sie die roten Blutkörperchen zurückinjiziert, während Gerinnungsstoffe, Eiweißsubstanzen und Antikörper ihres Blutes fortan der Pharmaindustrie dienen. Die mittellosen Spender leiden oftmals unter den negativen Folgen der Blutentnahme, beispielsweise in Form erhöhter Infektionsgefahr durch fehlende Abwehrstoffe.
Nicht nur als Bestandteil in einer Redewendung findet der Aderlass heutzutage in Deutschland noch Erwähnung. „Des Lebens Purpurstrahl fährt schäumend aus der Ritze/ Oh Schöpfer wann verfliegt einmal dies Blut, das ich in fauler Rast versprütz/ Soll all meine Kraft im Feuer banger Qualen schmelzen/ Gebrichts nicht bald an neuem Saft die Kügelchen des Blutes fortzuwälzen, “ heißt es im Song „Aderlass“ der deutschen Punk-Folk Musikband „Die Schnitter“. Ein Beleg dafür, dass die Blutentlassung hierzulande bis heute nicht gänzlich aus dem allgemeinen Bewusstsein entschwunden ist.