
Das Eintauchen in eine fremde Kultur kostet Überwindung.
Foto: Sven Dietrich
von Uli Nater
Durban, Südafrika: Zwei Männer stürmen die McCord-AIDS-Klinik und halten einer Krankenschwester und einer Patientin, die ihnen zufällig über den Weg laufen, die Pistole an die Stirn. Sie wollen Geld.
Nach dem vierten bewaffneten Raubüberfall dieses Jahres auf ihr Krankenhaus
beschließen die Ärztin Linda van Dyk* und ihr Mann, ins sichere Deutschland auszuwandern. Für die 32-Jährige mit den kinnlangen blonden Haaren, die sie gern hinters Ohr zurückstreicht, ist das ein schwerer Entschluss. Sie liebt ihre Arbeit bei den großteils schwarzen Patienten, die sich keine Krankenversicherung leisten können.
Colombo, Sri Lanka: Die schlanke, modisch gekleidete Devika Jayasooriya* und ihre deutsche Kollegin sitzen im Café des Tierparks. Bereitwillig beantwortet die Kollegin alle Fragen nach dem Leben im fernen Deutschland. Die Winter sind kalt, die Menschen direkt und sie haben es immer eilig, erfährt Devika. Für die 20-jährige Singhalesin, die eine ganz andere Kultur erleben möchte, klingt das alles wie ein Empfehlungsschreiben. Als die Kollegin ihr Tipps gibt, wie sie eine Aupair-Stelle findet, spitzt sie besonders die Ohren.
Detroit, USA: Endlich hat der 19-jährige Josh Shelly alles beieinander: die Bestätigung seiner Deutschkenntnisse, das Empfehlungsschreiben seines Professors und das Anmeldeformular für ein Austauschjahr. Der Germanistik- und Geschichtsstudent mit den blitzenden braunen Augen im jungenhaften Gesicht gibt alles im Büro seiner Universität ab. Ein paar Wochen später kommt die Benachrichtigung per Post: Josh, der außer im nahen Kanada noch nie im Ausland war, darf in Deutschland studieren.
Linda, Devika und Josh springen ins kalte Wasser. Rund 8.000 Kilometer entfernt tauchen sie wieder auf. Ihre neue Heimat heißt München.
Der erste Eindruck deckt sich bei den dreien: München ist extrem sauber. Und reich.
„Ich habe mich gefragt, wo hier die Armen leben“, erinnert sich Linda. „Dann sah ich aus der S-Bahn eine Schrebergartensiedlung. Aha, dachte ich mir, so sieht also ein deutscher Slum aus!“
Auch für Josh ist das Straßenbild ungewohnt: keine Junkies - dafür jede Menge Fußgänger. „In Amerika sitzen alle im Auto.“

Nach der Lektüre ihrer „Putzbibel“ wagt Linda sich sogar
ans Backen. Das Ergebnis: ein Geburtstagskuchen für
ihren Sohn.
Foto: privat
Die Medizinerin Linda steht im Bad und blättert in ihrer „Cleaning Bible“ („Putzbibel“). Wie kriegt man bloß die Streifen im Waschbecken weg? Die frischgebackene Hausfrau, die gerade ihr zweites Kind erwartet, hat noch nie im Leben geputzt. In Südafrika erledigte das die Hausangestellte.
Josh hält an der Uni ein Referat über den Roman „Die Schaukel“. Es läuft gut. Doch die Dozentin beginnt ihr Feedback mit herber Kritik an seiner Grammatik.
„In Amerika würde man mit etwas Gutem anfangen, dann das Schlechte kommentieren und mit Gutem aufhören. Warum müssen die Deutschen zuerst das Negative sehen?“ sinniert Josh.
Devika wartet auf dem Marienplatz auf eine Freundin. Plötzlich tritt ein etwa sechzigjähriger Mann auf sie zu und zischt: „Schon wieder eine Scheiß-Farbige!“ Vor Schreck fängt Devika an zu weinen. Selbst wenn ihr eine schlagfertige Antwort eingefallen wäre, hätte sie sich nicht getraut, sie zu äußern.
In ihrer Aupair-Familie fühlt sie sich dagegen sehr wohl. Die drei Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren lieben Devika, und Devika liebt die Kinder. Auch wenn es abends manchmal schwierig ist, die Rangen ins Bett zu bekommen. Immer wieder kommen sie mit Ausreden von „Ich habe Durst“ bis „Ich muss mal“. Doch schließlich schlafen sie nach einem Gute-Nacht-Küsschen ein.

Um Deutsch zu lernen, ist Ausdauer nötig.
Foto: Uli Nater
Sich in der fremden Sprache durchzusetzen, fiel Devika anfangs schwer. Die Kinder wollen fernsehen, Devikas „Nein“ akzeptieren sie nicht. Die Mutter muss eine Gardinenpredigt halten. Aber Devika macht schnelle Fortschritte. Inzwischen bereitet sie sich auf die Deutschprüfung für die Universität vor, weil sie hier BWL studieren will.
Josh sucht die U-Bahn-Station. Er hat sich einen korrekten Satz zurechtgelegt, um nach dem Weg zu fragen. Der Passant antwortet zunächst auf Deutsch. Als Josh nicht sofort reagiert, spricht sein Gegenüber auf Englisch weiter. „Als ob ich kein Deutsch könnte“, meint der junge Amerikaner frustriert.
Unter anderem durchs Fernsehen lernt Linda Deutsch. Das Duzen und Siezen ist ihr noch fremd: „In den synchronisierten Serien duzen sich die Leute anscheinend erst, nachdem sie Sex hatten.“
Trotz aller Probleme bereuen die drei Neu-Münchner nicht, das Wagnis Deutschland eingegangen zu sein. Wie sieht ihr Leben in einem Jahr aus, wenn alles nach Wunsch läuft?
Josh ist um viele Erfahrungen reicher in die USA zurückgekehrt und macht gerade seinen Bachelor. Devika studiert auch, aber in München. Lindas Kinder sind in einer Kindertagesstätte und sie arbeitet wieder als Ärztin.
* Name geändert
