
Für Paruretiker eine Horrorvorstellung: Öffentliche Toiletten. Foto: Marion Swiergot
von Marion Swiergot
Im Volkstheater hat sich Tanja (21)* für den 'Hamlet' verabredet. Nach drei Wochen geht sie endlich mal wieder 'raus, ein Abend mit Kommilitonen. Die Studentin der Theaterwissenschaften ist neu in München, doch viel gesehen hat sie von Kultur und Nachtleben noch nicht.
'So einen Abend muss ich bis ins kleinste Detail durchplanen', erzählt die junge Frau. 'Wann höre ich auf zu trinken, wie lange dauert das Stück, wie lange braucht die U-Bahn nach Hause?' Versucht Tanja, im Theater aufs Klo zu gehen, kann sie den Abend vergessen. In der fremden Umgebung läuft nämlich gar nichts, die Blase macht dicht.
Lässt sie es drauf ankommen, kann es ihr passieren wie auf der Party eines Schulfreundes im letzten Jahr. Ein bisschen Alkohol, und schon war der Harndrang da. Doch die übervolle Blase wollte sich nicht entleeren. Tanja: 'Ich bin fast durchgedreht vor Schmerzen'. Auch das Abi bleibt der jungen Frau in traumatischer Erinnerung: 'Ich wusste nicht mehr, wie ich laufen soll, als ich meine Arbeit abgab'.
Die Angst der Studentin: Jemand könnte ja mitbekommen, dass sie gerade auf der Toilette ist. Allein diese Vorstellung sorgt dafür, dass sich Tanjas Körper verkrampft. Anstatt zu entspannen, bleiben die Ringmuskeln um die Blase angespannt, das Wasser kann nicht fließen. Eine uralte Flucht-Reaktion, die mit dem Verstand nicht zu kontrollieren ist.
Schon seit sie denken kann, folgt Tanja im Alltag deshalb einem geheimen Plan: 'Ich führe ein richtiges Doppelleben', sagt sie und schüttelt den Kopf. Klassenfahrten, Urlaube, die gesamte Schulzeit – während Altersgenossen mit dem Pubertieren beschäftigt waren, zog Tanja sich immer mehr zurück. Und ging den klassischen Weg vieler Paruretiker – den in die soziale Isolation, meist gefolgt von einer handfesten Depression.
Der Kölner Psychotherapeut Philipp Hammelstein kennt dieses Schicksal nur zu genau: 'Die Leute gehen irgendwann nicht mehr vor die Tür'. Ein fataler Kreislauf aus Erwartungsangst und Vermeidungsverhalten entstehe. Er verweist auf Fälle, wo sich Betroffene mit einem Katheter Erlösung verschaffen. Oder ihren Arbeitsplatz danach aussuchen, ob die Toilette günstig liegt oder sie kurz nach Hause fahren können.
Hammelstein setzt deshalb auf klare Konfrontation: 'Wie die meisten Ängste beruht auch die Paruresis auf einer klassischen Konditionierung – und da hilft definitiv nur konkretes Üben.' Das heißt also: Pinkeln in öffentlichen Toilettenanlagen, am besten mit anderen und unter Zeitdruck. Ist gerade kein Therapeut oder guter Freund greifbar, muss ein 'Pee Buddy' herhalten, ein fremder Pinkel-Partner. Diese Bezeichnung kommt aus den USA, wo das Thema Paruresis weitaus bekannter ist.
Florian kennt diese Tipps. Seit seiner Kindheit leidet der 21-Jährige Erlanger unter der Pinkelangst. Doch erst vor zwei Jahren hat er sich seine Krankheit eingestanden und begann zu üben. Bewusst suchte der Student die Uni-Toiletten auf und steigerte langsam den Schwierigkeitsgrad. Vor zwei Monaten nun hat er das erste Mal mit einem fremden Mann uriniert. 'Das Pinkeln mit anderen ist ein ganz schwieriges Thema, gerade unter Männern', erzählt er. 'Aber man muss etwas tun, sonst wird es immer schlimmer'.
Peter (43) kann das nur bestätigen. Seit Jahren sucht der Passauer Ingenieur nun schon nach einem Pee Buddy. Doch auf 'paruresis.de' hatte er bislang kein Glück. Zwei Interessenten waren wieder abgesprungen. Alleine zu üben, bringt Peter nicht viel. Er hat sich im Alltag gut arrangiert, ist viel unterwegs und reist auch gern. Sein Problem ist eher der Zeitdruck: Wenn vor dem Klo jemand herumsteht, kann er nicht mehr.
Dem Forum ist er dennoch treu, hat es ihm doch vor Jahren die Augen geöffnet. 'Wenn man erfährt, dass man nicht der Einzige ist, fühlt man sich doch gleich ein bisschen normaler', grinst er. Auch Tanja ist glücklich, im Internet Anschluss gefunden zu haben: 'Hier bekomme ich mentalen Beistand, wir sind so etwas wie eine Familie.'
Rund 600 Mitglieder sind bei der privaten Selbsthilfe-Seite gemeldet und besprechen intimste Probleme. Außerhalb dieses Schutzraumes bleiben viele jedoch anonym. Peter erzählt bis heute niemandem von seiner Paruresis, auch seine Familie weiß nichts davon. In Beziehungen hat der schwule Mitvierziger schlechte Erfahrungen gemacht: 'Es wurde einfach als Spinnerei abgetan, als fixe Idee'. Bei Therapeuten und Ärzten stieß er ebenfalls auf Unverständnis. Die Störung sei nach wie vor nicht richtig bekannt und gelte als Lappalie.
Wenn man die Berichte der Betroffenen hört, bekommt man eine leise Ahnung von ihren Leiden. Neben den Schmerzen durch die volle Blase quälen sie Kopfweh, Konzentrationsschwäche und Müdigkeit, weil sie zu wenig getrunken haben. Schwerer wiegen jedoch die psychischen und sozialen Folgen, die durch den Rückzug und die vielen Ausweichhandlungen entstehen. Die Angst vor der Ablehnung durch Andere wird höchstens noch übertroffen von der Selbstabwertung, 'nicht mal richtig pinkeln zu können'.
Florian ermutigt deshalb alle Betroffenen, sich zu outen: 'Wenn es jeder weiß, ist plötzlich alles ganz anders'. Er erinnert sich noch gut an die komischen Situationen mit Frauen, weil er nicht unmännlich sein wollte und seine Schwäche verheimlichte. 'Ich erfand dann Ausreden oder habe Verabredungen kurzfristig abgesagt. Kein Wunder, dass es blöd lief.'
Auch für Tanja hat sich die Situation gebessert, seit ihre Familie und die besten Freunde Bescheid wissen. Trotzdem hat es ihr beim Üben nicht geholfen – obwohl sie ein Jahr lang ganz bewusst mit Freundinnen aufs Klo ging. Sie sucht jetzt verzweifelt nach einer Therapeutin, denn sie merkt, dass die Paruresis sie weiterhin fest im Griff hat.
Florian gibt ihr Rückendeckung im Forum. Auch sie haben sich bei 'paruresis.de' kennengelernt und zum ersten Mal von ihrer Krankheit erfahren – eine Offenbarung wie für so viele Leidensgenossen. Für Florian hat mittlerweile ein neues Leben begonnen: Kneipen, Konzerte, Reisen – 'jetzt kann ich nachholen, was ich all die Jahre verpasst habe', sagt der Student glücklich. Und noch eine spannende Erfahrung hat er gemacht: 'Wenn ich von meinem Problem erzähle, wird mein Gegenüber auch offener. Plötzlich merkt man, dass jeder irgendein Geheimnis hat.'
* Namen von der Redaktion geändert