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Die Kirche mit der Marienfigur bedeutet für Leyla Zuflucht und Ruhe. Ein Ort, wo sie 'auftanken' kann. Foto: Angela Gerhardt.

Die Kirche mit der Marienfigur bedeutet für Leyla Zuflucht und Ruhe. Ein Ort, wo sie 'auftanken' kann.
 Foto: Angela Gerhardt.
 

Von Mohammed zu Maria

Der mutige Weg einer Muslimin zur katholischen Taufe

Leyla* wischt unauffällig ein paar Kekskrümel von den hellen Holzstühlen und setzt sich. Auf dem Tisch brennt eine Kerze. Der Lehrer lächelt und faltet seine Hände auf der Bibel. Sonst ist dort nichts, keine Blumenvase, keine Kekse. Nur die Kerze und die Bibel. Durch das Fenster sieht man den Kirchturm. Er ist ganz groß und Leyla ganz klein in dem hellen Zimmer.
 
 Der Lehrer, wie ihn Leyla nennt, heißt Jochen Schmidt*. Er ist Priesteranwärter und noch keine 30 Jahre alt. Sein Blick ist freundlich und bestimmt, wie von jemandem, den man nach dem Weg fragt und der ohne zu zögern in die richtige Richtung weist. Es besteht kein Zweifel, dass Herr Schmidt schon früh in seinem Leben einen klaren Weg eingeschlagen hat. Einen, der von Gott bestimmt ist.
 
 Leyla ist Ende 30, Mutter von drei Kindern und ihr Weg war keineswegs so geradlinig wie der von Herrn Schmidt. Es war ein Fluchtweg, der sie aus dem Irak in einen kleinen Ort bei München geführt hat. Seit einem Jahr trifft sie sich Woche für Woche mit dem Priesteranwärter und spricht mit ihm über das Christentum. Leyla, auf dem Papier Muslimin, möchte sich taufen lassen.
 

Immer neue Ausreden

Im wirklichen Leben heißt sie anders. Aber Leyla möchte ihren richtigen Namen nicht nennen. Der Übertritt zum Christentum, und damit die Abkehr vom Islam, kann selbst in Deutschland gefährlich sein. Die Bedrohung kommt zwar nicht vom Staat, dafür aber aus dem eigenen Umkreis. „Wenn mein Vater wüsste, dass ich konvertiere, würde er mich umbringen“. Leylas Lachen lenkt einen Augenblick lang ab von der Unvorstellbarkeit dieser Aussage. Konvertiten sind für viele Muslime Abtrünnige.
 
 Über vier Millionen Muslime leben laut einer Studie des Innenministeriums in Deutschland. Schätzungen zufolge konvertieren jährlich weniger als 100 zum Christentum.
 Die Familie von Leylas Vater ist streng muslimisch. Ihre Mutter ist die einzige im Irak, die Bescheid weiß über die geplante Taufe ihrer Tochter. Dort hat Leyla mit eigenen Augen gesehen, wie ihre christlichen Nachbarn aus der Stadt vertrieben wurden. Im Juli 2009 seien Kirchen in verschiedenen Teilen des Landes systematisch bombardiert worden, erzählt sie. „Ich habe kein Vertrauen mehr in den Islam und seine Anhänger. Ich habe zu viel Krieg gesehen“, Leylas Augen wandern unruhig umher.
 
 „Ich habe auch gesehen, dass Christen ehrliche Menschen sind“, fügt sie hinzu und ihr Blick wird wieder klar. „Mir ist Ehrlichkeit sehr wichtig.“ Wenn Leyla zum Unterricht geht, muss sie jedoch immer neue Ausreden erfinden. Ihr Mann ist überzeugter Moslem und weiß nichts von den religiösen Zielen seiner Frau. Doch er merkt, dass sie sich verändert. Über die Taufe könnte Leyla niemals mit ihm sprechen. „Es ist mein Leben. Wenn ich etwas falsch mache, dann bekomme ich von Gott die Strafe dafür. Jeder kann selbst entscheiden, wie er handelt“, macht sich Leyla selbst Mut.
 

'Der Pfarrer dachte, ich mache das nur zum Spaß'

Taufbecken: Nur ein paar Tropfen Wasser daraus fehlen... Foto: Toni Kuhn

Taufbecken: Nur ein paar Tropfen Wasser daraus fehlen...
 Foto: Toni Kuhn
 

Einmal hat Herr Schmidt einen irakischen Pfarrer eingeladen. „Er sagte, ich muss noch viel lernen für die Taufe“ resümiert Leyla mit pflichtbewusster Miene. „Die Mitarbeiter der Kirche haben am Anfang gedacht, ich mache das nur zum Spaß. Aber jetzt haben sie gesehen, dass ich es ernst meine. Ich halte alle Regeln ein. Sie sagen, ich brauche trotzdem noch Zeit“.
 
 Leyla fühlt sich bereit für die Taufe. Denn Ihre Geschichte mit dem Christentum begann lange vor der ersten Begegnung mit Jochen Schmidt: im Irak, wo sie als Lehrerin arbeitete. Mit einer Kollegin, die Christin war, ging sie das erste Mal in die Kirche. „Ich zündete eine Kerze an und hatte dabei ein ganz besonderes Gefühl“, erzählt Leyla. Von da an ging sie öfter. Heimlich. Das ist jetzt neun Jahre her.
 

Ein Leben ohne Rechte

Leyla ist gewohnt, dass ihr Weg voller Steine ist. Kaum in Deutschland angekommen, musste sie wieder flüchten, vor den Gewaltausbrüchen ihres ersten Mannes. Mit ihrem kleinen Sohn suchte sie Unterschlupf im Frauenhaus. „Immer wenn ich mich allein gefühlt habe, bin ich in die Kirche gegangen. Dort fühle ich mich wieder stark“, sagt sie und streicht ihr offenes Haar zurück.
 
 Nur langsam ging es wieder bergauf. Sie ließ sich scheiden, fand eine Wohnung, begann als Küchenhilfe zu arbeiten. Und sie lernte ihren jetzigen Mann kennen. Sie wünschten sich ein Kind. Als Leyla nach langem Warten endlich schwanger wurde, nannte sie das Mädchen Maria, als Dank für die Erhörung ihrer täglichen Gebete.
 
 Als sie aus dem Krankenhaus kam, fand sie einen Brief des Landratsamtes. Es sei ein neues Einwanderungsgesetz in Kraft getreten und ihre befristete Aufenthaltserlaubnis damit erloschen. In ihrem Pass ist nun ein Stempel mit dem Wort „Duldung“. Duldung bedeutet „Aussetzung der Abschiebung“, eine Umschreibung für ein Leben ohne Rechte. Alle sechs Monate wird der Status überprüft und Leyla muss bangen, ob sie und ihre Familie zurück in den Irak müssen. Christen werden im Irak verfolgt. Die Zugehörigkeit zum Christentum kann als Grund gelten, in Deutschland Asyl zu bekommen.
 
 Herr Schmidt bläst die Kerze aus. Mit einem Händedruck verabschiedet er Leyla hinaus in den regnerischen Nachmittag. Er hat noch andere Termine. Leyla atmet tief durch und blickt hinauf zum Kirchturm. „Wenn ich hierher komme, dann fühle ich mich gut. Ich spüre dann, dass ich weiterkämpfen muss.“
 Sie ist Christin im Herzen, seit vielen Jahren. Nur nicht auf dem Papier. Ein paar Tropfen Wasser fehlen. Doch ein Termin für die Taufe ist noch nicht in Sicht.
 
 *Name geändert